Dem Ende entgegen

Für die Gemeinde Oberharmersbach endete die Herrschaft des National­sozialismus mit der Besetzung durch berittene Marokkaner am 22. April 1945 – Es folgen Jahre der Entbehrungen

Für die Gemeinde Oberharmersbach endete die Herrschaft des National­sozialismus und des Zweiten Weltkrieges mit der Besetzung durch berittene Marokkaner am 22. April 1945. Ohne weitere Kampfhandlungen, Gewalt ober Übergriffen gegenüber der Zivilbevölkerung bahnte sich das Ende der Schreckenszeit an.

Die Folgen des Krieges waren trotz der Ferne der Fronten allenthalben zu spüren. Eine Meldung nach der anderen verlängerte in den letzten Kriegsmonaten die Liste der Gefallenen und Vermissten, die Zahl der Evakuierten aus den von Bombardements heimgesuchten Städten oder grenznahen Gebieten stieg ständig an.

Nur ansatzweise erfuhren einige Oberharmersbacher Familien, wie furchtbar der Luftkrieg sein konnte. »Not­abwürfe« (vom Feindflug zurückkehrende Flugzeuge warfen ihre tödliche Fracht über vermeintlich unbewohntem Gebiet ab) gefährdeten die von Leid geprüfte Zivilbevölkerung. Druckwellen ließen dabei Fenster zerspringen und deckten Dächer ab. Es blieb jeweils bei Sachschäden.

Am ersten Weihnachtsfeiertag 1944 wurde der aus Waldshut stammende Pilot Walter Meyer während seines 13. Kampfeinsatz von drei US-amerikanischen Jägern verfolgt. Am Kopf tödlich getroffen, stürzte er Richtung Langhärdle ab. Vorläufig auf dem Oberharmersbacher Friedhof beigesetzt, überführte man den Leichnam1947 in seine Heimat.

Der Krieg rückt immer näher

Der Krieg rückt auch für Oberharmersbach immer näher. Die Bevölkerung errichtete entsprechend den fanatischen Durchhalteparolen der Nazi-Oberen Panzersperren und grub auf Anweisung Stollen und Deckungslöcher. In der Zuwälder Schule waren über den Jahreswechsel 1944/45 Soldaten einquartiert, die im Frühjahr 1945 wieder abrückten, zusammen mit anderen Truppen, die jetzt verstärkt von Westen kommend ins Hamersbachtal strömten und über den Löcherberg eilig weiterzogen.

Im Ortsteil Riersbach war zeitweise ein Divisionsgefechtsstand eingerichtet, von wo aus wohl der Widerstand gegen die durch das Renchtal vorrückenden Franzosen aufrecht erhalten werden sollte. Die Franzosen hatten am 15. April 1945 Offenburg besetzt, am17. April fiel Oberkirch.

In diesem heillosen Durcheinander im Tal kam es auch in Oberharmersbach während der letzten Kriegstage zu zwei Tötungen. Zwei Soldaten eines Instandsetzungszuges flüchteten. Einer von ihnen wurde aufgegriffen und  durch ein Schnellgericht zum Tode verurteilt. Er wurde am 20. April 1945 standrechtlich erschossen. Ein Fremdarbeiter aus dem Elsass lief auf dem Rückweg von seinem Arbeitsplatz aus dem Renchtal im Wald einem SS-Angehörigen, dessen Einheit zusammen mit Angehörigen der Gruppe »Werwolf« sich kurzfristig im Tal eingenistet hatte, in die Arme. Er wurde wegen angeblicher Spionage zum Tode verurteilt und erschossen.

Diese Ereignisse ließen befürchten, dass der aufgebotene Volkssturm und die regulären deutschen Truppen  gegen die  herannahenden Franzosen Widerstand leisten könnten. Ein glücklicher Umstand entschärfte jedoch die Situation.

Franz Burda war im Holdersbach evakuiert

Schon vor der Besetzung Offenburgs durch die Franzosen war Franz Burda mit seiner Familie im Sürag-Haus im Holdersbach evakuiert. Am Donnerstag, 19. April 1945, ging Burda zu Fuß nach Offenburg und wählte aus Gründen der Sicherheit den Weg Richtung Löcherberg und von dort weiter über die Höhen. Beim Gasthaus »Linde« traf er auf einen Trupp deutscher Soldaten, die unter der Leitung eines Majors die Franzosen aufhalten wollten. Auf halber Höhe zum Löcherwasen (Anhöhe Richtung Bad Peterstal) kam ihm ein französisches Reiterregiment entgegen. Franz Burda wurde zum Colonel geführt, der sich nach dem besten Weg Richtung Zell und Biberach erkundigte. Burda, des Französischen mächtig, empfahl den Weg über den Täschenkopf, um ein Zusammentreffen mit den Truppen am Fuß des Löcherberges zu vermeiden.

Ein Teil der Franzosen schlug diesen Weg auch ein. In der Nähe des Mühlsteins auf der Flacken kam es zu einem Scharmützel. Der letzte militärische Widerstand in unserer Region kostete auf deutscher Seite drei Volkssturmmännern und drei Soldaten das Leben. Auf
französischer Seite fiel ein Soldat.

Berittene Marokkaner besetzten das Dorf

Die aus Oberharmersbach abrückenden deutschen Truppen sprengten am Sonntag, 22. April 1945, die Brücke über den Harmersbach beim Anwesen Bitsch und die Löcherbergstraße im Lindenbach-Hohloch. Das Vordringen der Franzosen hielten diese sinnlosen Zerstörungen nicht auf. An jenem Tag, gegen halb elf, kurz nach dem Hauptgottesdienst, besetzten vom Löcherberg her kommend insgesamt mehrere hundert berittene Marokkaner das Dorf. Es fiel kein Schuss, zu Gewalttaten gegenüber Personen oder Plünderungen kam es nicht. Aber vom Rathaus aus wurde sofort verfügt, dass alle Waffen, Munition, Radios und Fotoapparate abzugeben seien. Ein Teil der Reiter zog nach zweistündigem Aufenthalt weiter nach Zell.

Für die Gemeinde Oberharmersbach schien der Krieg nach sechs schrecklichen Jahren ein fast friedliches Ende gefunden zu haben, die Folgen jedoch waren noch lange zu spüren. Jahre der Entbehrungen folgten – der Schmerz über den Verlust oft mehrerer Familienangehörigen überdauerte den folgenden Waffenstillstand am 8. Mai 1945.

Und es blieb die quälende Ungewissheit über das Schicksal der Vermissten und der Kriegsgefangenen in den Lagern der Siegermächte. Für die eine oder andere Familie wurde das Schicksal eines vermissten Angehörigen traurige Gewissheit, wenn heimkehrende Kameraden die Todesnachricht überbrachten. Eines dieser Schicksale klärte sich endgültig erst Jahre später. Mit Raimund Lehmann kehrte im Dezember 1955 der letzte Oberharmersbacher Kriegsgefangene aus einem russischen Lager in seine Heimat zurück.

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