Vor 300 Jahren: Brüchiger Frieden zwischen Stadt und Tal

»Transaction«-Vertrag sollte Streitigkeiten entgültig beilegen

Vor genau 300 Jahren legten die Reichsstadt Zell und das benachbarte Reichstal Harmersbach in einem acht Seiten umfassenden Vertrag ihre über Jahrhunderte anhaltenden Streitigkeiten bei – um sie dann wenige Jahrzehnte später nicht minder heftig wieder aufleben zu lassen.

Stadt und Tal stritten sich seit Jahr und Tag um Zölle und Holznutzung, religiöse Betreuung und richterliche Zuständigkeit – und fast immer ging es letztlich auch ums Geld. Einer der maßgeblichen Gründe für den Standpunkt der Talobrigkeit, dass das Reichstal ein selbstständiges Territorium mit eigener Verwaltung und Gerichtsbarkeit sei, war die gesonderte Verpfändung, das heißt die zeitweilige Vergabe von Land und Einnahmen eines Gebiets durch den Kaiser an Gefolgsleute, um sich selbst Geldmittel zu beschaffen. Und dies war auch der Grund, warum in der Urkunde von 1366 neben der Stadt Zell das Tal Harmersbach als eigenständiges Territorium genannt wurde, ausgestattet mit allen Rechten, wie auch die Stadt Zell selbst. Man hatte es also schriftlich – seit Menschengedenken.

Denoch ging es hin und her. Schriftsätze wurden ausgetauscht und sofort wiederlegt. Die sprichwörtlichen »Dickschädligkeit« des Reichs­tals ließ jedoch alle Ansprüche aus der Nachbarstadt abprallen. So sah man wohl letztlich auf beiden Seiten ein, dass eine schriftliche Vereinbarung über das künftige Zusammenleben – besser: Nebeneinander – die Lösung des Problems sei.

»Fürhin und ewige Zeiten«

In Anwesenheit von Vertretern aus Offenburg und Gengenbach sowie dem Gengenbacher Abt verfassten vom 13. bis 15. Juni 1718 Stadt und Tal eine »Transaction«, die sogar gedruckt wurde. Die entscheidende Formulierung: Das Tal Harmersbach ist »fürhin und ewige Zeiten…ein von Zell independirendes unmittelbares Reichs­tal«. Die Formulierung »zu Zell gehörig« darf nicht mehr verwendet werden.

Punkt für Punkt wurden alle Streitigkeiten angesprochen und geregelt, sogar die Wirtschaftsgerechtigkeit in der Wirtschaft neben der Kapelle. Gemeinsam wolle man künftig Fronfuhren und Schanzarbeiten sowie Reichslasten übernehmen. Eine weitere Gemeinsamkeit wurde vereinbart, um Kosten zu sparen. Wie es bisher unter den Ortenauer »Vereinsstädten« Offenburg, Gengenbach und Zell üblich war, ließ sich das Reichstal Harmersbach auf den Reichstagen durch den gemeinsamen Gesandten aus der Ortenau vertreten. Der Harmersbacher Vogt war also nie bei Reichstagen anwesend, geschweige denn saß er neben dem Kaiser in Wien. Und es war auch nie eine »freie Bauernrepublik«, wie das auch immer wieder behauptet wurde.

Weitere Querelen

Obwohl die Beziehungen zwischen Stadt und Tal endgültig geklärt waren, ging es nicht ohne Sticheleien ab. Zell hielt dem Talvogt vor, er schicke den Vertrag in alle Welt »zu gescheidten leut gelächter.« Das Reichstal seinerseits scheiterte mit dem Versuch, durch eigene Abgesandte beim Schwäbischen Kreis eine separate Quittung für den Anteil seiner Kreisumlagen zu erhalten. Hier triumphierte Zell.
Die geplante Erweiterung der Wallfahrtskirche brachte 1737 die Streithähne erneut in Stellung. Das Tal sollte als Territorialherr seine Zustimmung zur Erweiterung geben. Ein Vermittlungsvorschlag – »ein magerer Vergleich sei besser als ein fetter Prozess« – wurde in den Wind geschlagen. Wiederum folgte Schriftsatz um Schriftsatz, bis man schließlich vier Jahre später eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung gefunden hatte: die Erweiterung durch ein Querschiff. (Die neuerliche Erweiterung 1910/11 ging dann über die Gemarkungsgrenze hinweg, ohne die früheren Querelen erneut aufzukochen).

Brüchiger Frieden

So schön das gedruckte Werk sich liest, so brüchig erwies sich der geschlossene Frieden. Die nächste Eskalation stand an. Nachdem die Stadt Zell den Harmersbacher Ratszwölfer Gabriel Breig – wegen eines vermeintlichen Holzfrevels im Niller Forst – am Symphoriansfest 1782 nach dem Kirchgang arretiert hatte, zog eine wilde Horde aus dem Tal am Fasentmontag (2. März) 1783 nach Zell und befreite ihn gewaltsam. Das letzte, acht Jahre dauernde, juristische Gezeter zwischen Stadt und Tal – der Vorwurf des schweren Landfriedensbruchs stand im Raum – hätte man sich schenken können, denn kurz danach tilgte Napoleon mit seiner »politischen Flurbereinigung« entlang des Oberrheins jeden Grund für weitere rechtliche Streitigkeiten.