Lösung: Unser Bild entstand auf den Tag genau vor 62 Jahren. Am 15.12.1955 kehrte Raimund Lehmann vom Amselgrund als letzter Kriegsgefangener nach 12 Jahren in seine Heimatgemeinde zurück, die ihm einen überwältigenden Empfang bereitete.
Der Zweite Weltkrieg verschlägt Raimund Lehmann, Jahrgang 1919, durch halb Europa. Zweimal verwundet, sieht er seine Heimat im Dezember 1943 vorerst zum letzten Mal.
Wieder wird er an der Ostfront eingesetzt. Am 23. Juni 1944 schließt sich der Kessel um die zur Festung erklärten Stadt Witebsk, ca. 500 Kilometer westlich von Moskau. Zusammen mit 35.000 Landsern sitzt Raimund Lehmann in der Falle. Ein Ausbruchsversuch scheitert und endet mit der Vernichtung des Korps. Raimund Lehmann gilt als vermisst.
Doch er hatte Glück. Zusammen mit einem Kameraden schlägt er sich nach Westen durch, ständig in der Angst vor Partisanen oder regulären Rotarmisten. Sie erreichen fast Kaunas im heutigen Litauen. Dort werden sie am 17. August 1944 gefangen genommen.
Im Amselgrund macht man sich nach der Vermisstenanzeige nicht mehr viel Hoffnung auf ein Lebenszeichen des Sohnes. Nach drei Jahren eine bescheidene, aber hoffnungsvolle Botschaft: »Ich habe auf jeden Fall diesen verheerenden Krieg überstanden.« Mehr nicht.
Raimund Lehmann wird derweilen von Arbeitslager zu Arbeitslager transportiert, vorläufige Endstation ist im November 1953 ein Lager in Swerdlowsk an der Ostabdachung des Urals.
Bis 1951 erreichen noch einmal über das
Rote Kreuz zwei Postkarten die besorgten
Eltern. Erst dann darf »Mundi« regelmäßig nach Hause schreiben. Kein Wort über seinen Gesundheitszustand, kein Wort über seinen Aufenthalt. Aber er darf Pakete entgegennehmen. Er wünscht sich, neben den kleinen Annehmlichkeiten des Alltags, eine Tabakspfeife und einen Rasierapparat – und eine Mundharmonika, die er tatsächlich bekommt.
Nach Stalins Tod im März 1953 reist der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer im September 1955 nach Moskau. Die noch in der Sowjetunion festgehaltenen Kriegsgefangenen werden zur Manövriermasse im Kalten Krieg. Der Kreml hat die begonnene Rückführung von Gefangenen jetzt wieder gestoppt: Kriegsgefangene gegen Botschafteraustausch (schwierig, weil damit zwei deutsche Staaten in Moskau vertreten sind und die DDR dadurch aufgewertet wird – es geht um deren internationale Aufwertung). Raimund Lehmann ist schon Richtung Westen unterwegs, er erlebt in Moshaisk zwischen Moskau und Minsk bange Tage des Wartens. Adenauer gibt nach, zugunsten der Gefangenen.
Auf dem ersten Transport nach diesem Stopp ist Raimund Lehmann mit dabei. Am 10. Dezember 1955 wird der nunmehr 36-jährige Oberharmersbacher nach 12 Jahren beim Verlassen der Sowjetunion aus der Lagerhaft entlassen. Der Zug fährt Richtung Friedland.
Fünf Tage später erlebt er den wohl glücklichsten Augenblick seines Lebens. Seine Schwester, Bürgermeister Ludwig Braun und Gemeinderat August Lay holen den Heimkehrer in Offenburg ab. Flaggenschmuck und ein Transparent heißen den letzten Heimkehrer des früheren Landkreises Wolfach in seiner Heimatgemeinde willkommen. Kirchenglocken läuten, als Raimund Lehmann auf dem Rathausplatz eintrifft. Mit Tränen in den Augen erwarten der 76-jährige Vater und die 61-jährige Mutter ihren Sohn, den sie 12 Jahre nicht mehr gesehen hatten.
Der Wolfacher Landrat Hess und Kaplan Loritz von der Pfarrgemeinde St. Gallus gehören ebenso zum Begrüßungskomitee wie die Miliz- und Trachtenkapelle mit Dirigent August Lehmann und der Kinderchor unter der Leitung von Erwin Küderle. Bürgermeister Braun (links) gratuliert dem Heimkehrer (Mitte, zusammen mit seinen Eltern) mit einem Geldbetrag von 500 Mark, Ratschreiber Lehmann überreicht im Namen der Gemeinde einen Geschenkkorb zur »Auffrischung der Gesundheit«. Der Wolfacher Landrat begrüßt den Heimkehrer mit einem Entschädigungsgeld von 5000 Mark.
Raimund Lehmann übernimmt den elterlichen Hof. Er heiratet 1958 Justina Kornmayer. Vier Kinder zählen zur Familie, der älteste Sohn Raimund übernimmt von seinem Vater den Hof. Raimund Lehmann stirbt am 19.10.1990.





