Die Freude anderer als reinster Sorgenfresser

Altenwerk, Fahr- und Besuchsdienst, DRK – ihre Ehrenämter sind Sofie Bürkles Hobby

»Irgendetwas hat man gebraucht, dass man über die privaten Schicksalsschläge hinweggekommen ist«, erzählt Sofie Bürkle davon, wie ihr das Ehrenamt beispielsweise im Nordracher Ortsverein vom Deutschen Roten Kreuz sowie im Altenwerk gleichzeitig eine private Stütze war. Auch die Ehrenamtskollegen haben der gleich zweifach Verwitweten sehr geholfen, »das alles zu verkraften.«

Wenn die gebürtige Nordracherin Einblick in ihr Leben gibt, dann spürt man, dass dieses sie nicht gebrochen hat. Im Gegenteil: Sie wirkt ausgeglichen, in sich ruhend und rundherum vital, voller Kraft. Dass sie Ende Oktober ihren 87. Geburtstag feiern wird, mag man kaum glauben.

»Ich reiß mich halt immer wieder zusammen, ich bin vielleicht nicht so kopfhängrig«, konstatiert Bürkle. Dieses »Sich-Zusammenreißen«, das hat sie früh gelernt. Im abgelegenen Hintertal aufgewachsen, »mussten wir als Kinder ziemlich viel mithelfen, wir haben noch schaffen gelernt auf der Landwirtschaft.«

Zwei bis drei Kühe und zwei Schweine gab es zuhause, dazu ein paar kleine Felder, so dass es zur Selbstversorgung reichte. Die Felder allerdings lagen nicht beim Haus, sondern lange und steile Fußmärsche entfernt in schwer zu bewirtschaftender Hanglage, der Transportkarren musste per Hand gezogen werden.

Wie unter den damaligen Lebensbedingungen üblich, wurde die 1933 Geborene nach der achten Klasse von der Schule genommen. Eine Ausbildung durfte sie nicht genießen, stattdessen begann die damals Fünfzehnjährige gegen kargen Lohn für den Staat zu arbeiten. Indem sie gemeinsam mit anderen auf dem staatlichen Gelände im Nordracher Hinterland junge Tannen setzte, mit der Sichel dem Unkraut ebenso zu Leibe rückte wie unerwünschtem Gebüsch.

Um zu den jeweiligen Einsatzstätten zu gelangen, galt es auch hier große Strecken durch unwegsames, ansteigendes Gelände zurückzulegen – bis zu zwei Stunden, wenn es zum Aufforsten beispielsweise hinauf zum Moos­turm ging.

»Wir sind schon noch ein wenig rau aufgewachsen, ein wenig hart aufgezogen worden«, resümiert die Seniorin, ohne auch nur eine Spur von Bitterkeit.

»Wir« – das waren sie und ihr Bruder. Der starb mit gerade einmal 14 Jahren an einer Blutvergiftung, verursacht durch einen Holzsplitter, der ihn beim Holzmachen an der Hand verletzt hatte. 1945 war das und der Vater im Krieg, »da war meine Mutter mit mir alleine, das war sehr schlimm für sie.«

Mit der Gründung des DRK-Ortsvereins änderte sich etwas

Mit zwanzig Jahren heiratete Sofie Bürkle, lebte und arbeitete weiterhin auf dem elterlichen Selbstversorgerhof. Vier Kinder brachte sie hier zur Welt. In der Abgeschiedenheit des Nordracher Hintertals führte sie ein arbeitsreiches Leben zwischen Familie und der kleinen Landwirtschaft.

Das änderte sich, als 1969 der Ortsverein des Deutschen Roten Kreuzes entstand. Sie ging zur Gründungsveranstaltung, »einfach weil es mich interessiert hat«, wurde sofort aktives Mitglied. Vor allem von ihrem Helfen bei den Blutspendeterminen erzählt sie, die erst seit wenigen Jahren direkt in Nordrach stattfinden. »Davor haben wir immer in Zell geholfen, und einmal im Monat hatten wir einen Dienstabend.«

Dieses Engagement bedeutete für die Kontaktfreudige einerseits eine Möglichkeit, ihre Hilfsbereitschaft auszuleben. Andererseits kam sie so »unter die Leute«, und sie »durfte etwas anderes machen als das bisher Gewohnte.« Auch Tochter Angelika Bächle ist schon seit etwa 40 Jahren im DRK-Ortsverein aktiv, »das hat sich so ein bissle vererbt«, lacht Sofie Bürkle.

Ihre aktive Mitgliedschaft wollte sie nach einem halben Jahrhundert im letzten Jahr eigentlich in eine passive umwandeln. Doch bei den örtlichen Blutspende-Aktionen hilft das Ehrenmitglied noch immer, auf Bitte der Kollegen hin. Dann heißt es:»Komm nur mal, du kannst das und du hast ja auch Zeit«, schmunzelt die Rührige mit einer Freude, die die wie mit tiefer Zuversicht gefüllten Spuren des Lebens in ihrem Gesicht zum Leuchten bringen, »ich bin schon arg verwurzelt mit dem Roten Kreuz.« Mit liebevollem Stolz zeigt sie ihr DRK-Notfall-Täschchen. Das stammt aus den Anfangszeiten, wird sorgsam auf dem Schlafzimmerschrank aufbewahrt und kommt noch immer zum Einsatz.

Denn: Nach wie vor engagiert sich die nun selbst Hochbetagte und doch so Rüstige aktiv beim örtlichen Altenwerk, und das seit über vierzig Jahren. Von November bis März findet einmal im Monat ein Seniorennachmittag im Pfarrheim St. Marien statt, mit Vortrag und Bewirtung.

Das DRK-Täschle ist immer dabei

In den übrigen Monaten wird stattdessen eine halbtägige Ausflugsfahrt durchgeführt. Dann hilft die rüstige Seniorin an der Bustür beim Ein- und Aussteigen. Und das DRK-Täschchen der inzwischen siebenfachen Groß- und neunfachen Urgroßmutter ist für alle Ausflugsteilnehmer eine Beruhigung. Wenngleich bislang glücklicherweise allenfalls mal ein Heftpflaster benötigt wurde.

Große Freude bereiten der Seniorin zudem die runden sowie halbrunden Geburtstage, zu denen Nordracher ab dem 70. Lebensjahr von der Gemeinde eine Flasche Wein spendiert bekommen. Diese samt der dazugehörigen Glückwünsche jeweils zu überbringen hat sich der Vorstand des Altenwerks – mit Sofie Bürkle als Beisitzerin – zur Aufgabe gemacht.

Ganz besonders auf Trab jedoch halten die Hilfsbereite ihre privaten Fahr- und Besuchsdienste. 1970 erst machte sie ihren Führerschein, stellte ihre so gewonnene Mobilität sogleich auch anderen zur Verfügung. Noch heute fährt sie Betagte zum Arzt oder in eine Gastwirtschaft oder zum Einkaufen.

Damit nicht genug: Normalerweise alle zwei Wochen besucht Agile – inzwischen in Begleitung einer 83- und einer 86-Jährigen – seit rund zwei Jahrzehnten Senioren in der Winkelwaldklinik. Mit diesen unterhält sie sich dann – so weit möglich – über Gott und die Welt, hilft überdies beim regelmäßig stattfindenden Singkreis mit, »das ist immer schön und die Menschen freuen sich.«

Diese Freude wiederum tut ihr selbst gut: »Ich sag’ immer: Man vergisst die eigenen Sorgen besser, wenn man sieht, wie andere sich freuen.« Nicht einfach ist daher auch für sie die Corona-Situation, »es ist schon komisch, wenn man nicht mehr wie sonst zu den Leuten unterwegs sein kann.«

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