Winzlinge gehen jetzt in Winterruhe

Klaus Willmanns Herz schlägt für Bäume im Kleinstformat

Für Klaus Willmann heißt es derzeit, seine Bonsai-Lieblinge winterfest zu machen. Erst im Frühjahr wird man hier oben, im idyllischen Nordracher »Ruhlsbach«, die Bäume im Miniformat wieder bewundern können.

»Das sieht im ersten Moment nach Arbeit aus«, schmunzelt Klaus Willmann, »aber im zweiten Moment kriegst du auch was dafür«.

Der Anblick der Miniatur-Bäume bringt den 57-Jährigen ins Schwärmen – besonders jetzt, zur Zeit der Herbstfärbung, die bei den Winzlingen genauso ausgeprägt ist wie bei ihren großen Brüdern. Zur Freude vorbeikommender Wanderer. Bestes Beispiel: Ein feuerrot gefärbter Fächerahorn mit dem Wuchsbild eines ausgewachsenen Baumes, jedoch gerade einmal um die 40 Zentimeter hoch. »Aber auch im Frühjahr, wenn alles blüht, ist es mit den Bonsais traumhaft schön hier«, strahlt Klaus Willmann in sich hinein. Teilweise sogar Früchte tragen seine Minigeschöpfe, wie Zierquitten oder Zierapfelbäume. Selbst ein am Spalier gezogener Kirschbaum im Kleinformat findet sich vor dem Haus des gebürtigen Entersbachers, der vor 37 Jahren in die Abgeschiedenheit des Nordracher Hinterlandes gezogen ist und sie tief zu lieben gelernt hat.

30 bis 40 Minigehölze zählen derzeit zu seiner Sammlung, die neben laubabwerfenden Gehölzen auch immergrüne Arten umfasst – wie, unter vielen anderen, Mädchenkiefer, Wacholder, Zypresse. Seit rund einem Vierteljahrhundert widmet Klaus Willmann sich diesem Hobby, auf das er über den Bruder seiner Frau gestoßen ist. »Als ich das mit den Bonsais bei ihm gesehen habe, hat auch mich das fasziniert.« Die Beschäftigung mit den Kleinlingen bringt den gelernten Schreiner, der in einer Klinik als Hausmeister tätig ist, zur Ruhe: »Mit den Bäumle kann man sich runterfahren«, so der Umtriebige.

»Landschaft in der Schale« lautet die wörtliche Übersetzung des japanischen Begriffs »Bonsai« – wobei »bon« für »Schale« steht und »sai« für »Pflanze«. Vor über 2.000 Jahren in China aus ursprünglich auf einem Tablett miniaturisierten Landschaften entstanden, gelangte die Bonsai-Kunst nach Japan und im 19. Jahrhundert schließlich auch nach Europa. Eine Kunst, die einen – wohlgemerkt alten – Baum verkleinert nachbilden will, was man durch besondere Schnitt- und Kulturverfahren erreicht. Gleichzeitig sollen Pflanzschale und Baum miteinander in Einklang stehen. Klaus Willmann zieht sich seine Zwergengehölze vielfach selbst. Wie einen etwa einen Meter hohen Ahorn. Den hat er vom angrenzenden Wiesenrand geholt, acht Jahre steht er seither bei ihm. »Für einen wirklichen Bonsai müsste der noch viel kleiner sein, aber wenn man sich überlegt, dass der Baum normalerweise 20 Meter hoch wird …«.
Ein tatsächliches Miniformat hingegen weisen andere Ahorngewächse auf. Oder da ist jener Buchsbaum-Bonsai, den hat der Nordracher aus dem Ableger einer uralten Buchsbaumhecke gezogen. Doch auch Gewächse wie Ginster sind bei ihm vor einer Miniaturisierung nicht sicher. Oder Efeu: Stolz zeigt der Verkleinerungskünstler ein zig Jahre altes Efeugewächs in Lilliputaner-Ausgabe – und in einer Form, »als ob grad’ der Wind reinpfeift.«

Vergleichsweise winzig sind die Gefäße, in denen das Wurzelwerk eines Bonsai sein Auskommen finden muss. Unglaublich eigentlich. Doch der Trick liegt im je nach Sorte teils jährlich erfolgenden vorsichtigen Aufhacken des Ballens und Zurückschneiden der Wurzeln. Was äußerst sorgfältig geschehen muss, damit nichts zu faulen beginnt.

Platz für Erde gibt es in den Bonsaigefäßen kaum bis gar nicht. »Die braucht so ein Baum eigentlich auch nicht, du musst ihm halt viel Dünger geben.« Was schon mit dem Gießwasser anfängt. Denn besser als aus der Leitung ist abgestandenes Wasser, weswegen Klaus Willmann in der Gießsaison wannenweise Wasser abfüllt: Nach einigen Tagen Standzeit tummeln sich allerlei Mikroben darin. In dieses dann wurzelfreundliche Nass werden die Minibäume getaucht, bis ihre Wurzelballen sich vollgesogen haben – in heißen Sommern wie dem letzt- und diesjährigen eine nicht enden wollende Aufgabe.

Hinzu kommen regelmäßige Formschnitte, manche Gehölze bringt der Nordracher Bonsai-Fan mit Schnüren oder gar Draht in Form, wie einen Stabahorn oder einen Gingko-Winzling. Wobei darauf zu achten ist, dass der Draht nicht einwächst, »sonst schnürt es dem Baum die Luft ab.«

Zu Beginn der kalten Jahreszeit nun hat Klaus Willmann seine Schützlinge aus ihren Töpfen geholt und sie dicht beieinander in ein Erdloch gestellt, an einem vollschattigen Standort, um sie ebenso vor Frost wie vor Wintersonne zu schützen. In die Wärme des Haus geholt werden dürfen sie keinesfalls: »Die brauchen die Winterruhe genauso wie ein normaler Baum auch, sonst verlieren sie ihre Energie.« Lediglich nicht winterharte Sorten wie die japanische Ulme bekommen in einem Unterstand ein zwar unbeheiztes aber doch schützendes Dach über dem Kopf.

Liebevoll streicht der vierfache Familienvater über eine Mini-Baumkrone, beinahe wie einem Kind. Sein ältester Bonsai ist eine 25 Jahre alte Hainbuche, »mit der hab’ ich damals angefangen zu üben«, lacht Klaus Willmann, um gleich darauf abzuwinken: »Im Vergleich zur japanischen Bonsaikultur ist das, was ich mache, aber Kindergarten.« Wenngleich er das in den Augen seiner Frau so nicht sehen solle, fügt er hinzu, angesichts der Unmengen an Zeit, die er in sein Hobby stecke.

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