»Eine allgemeine Lösung wird’s nicht geben«

Wegfall des Branntweinmonopols sorgt für Sorgenfalten bei Obstbrennern

»Wenn Sie noch mehr zusammenhalten, können Sie noch mehr gewinnen«, appellierte die Bundestagsabgeordnete Kordula Kovacs am Samstag an Nordrachs Obstbrenner, angesichts des baldigen Aus des Branntweinmonopols auch weiterhin gemeinsam nach neuen Vermarktungswegen zu suchen.

Niemand der rund 40 Zuhörer, die sich trotz besten Wetters zum Heumachen in der Hansjakob-Halle eingefunden haben, strahlt mit der Sonne um die Wette. Beileibe nicht.

Denn was am »runden Tisch« mit Experten diskutiert werden soll, ist unumstößlich: Nach jahrelangen EU-Diskussionen in Brüssel sowie zweimaligen Verlängerungen wird in der Silvesternacht jenes Branntweinmonopol endgültig wegfallen, das Kaiser Wilhelm dereinst mit seiner Unterschrift in Kraft gesetzt hatte.

Für Klein- und Obstbrenner bedeutet das: Die Ablieferungsmöglichkeit von Rohalkohol zu Garantiepreisen an die Bundesmonopolverwaltung für Branntwein entfällt. Der Grund: »Wenn eine Nation Beihilfe zahlt für ein Agrarprodukt – wie Deutschland für Rohalkohol – überall sonst in der Europäischen Union gibt es aber keine solche Hilfe, dann muss diese verschwinden, denn sie widerspricht dem Binnenmarkt-Gedanken.«

So erklärt es Werner Albrecht vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Bonn. Ihn hat Kordula Kovacs als Spezialisten in Sachen Branntweinmonopol mitgebracht, um den Nordracher Obstbrennern die zukünftigen rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen darzulegen. Jürgen Fritz von der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau wiederum packt die Zukunftsaussichten in für sich sprechende Zahlen: »Der Marktpreis in Deutschland liegt bei etwa 60 Cent pro Liter – vom Monopol kriegen Sie derzeit noch etwas über 3 Euro.«

Wobei der im Vergleich zum Marktpreis geradezu fürstlich erscheinende Monopolpreis keineswegs für Reichtum der kleinen Brennerei sorgt, vielmehr an den Selbstkosten orientiert ist. Mit dem Ziel, das Obst einer Verwertung zuzuführen, statt es verderben zu lassen. Obst, das auf Streuobstwiesen wächst. Die sind wichtig für die Offenhaltung der Landschaft und damit für den Erhalt der einzigartigen, uralten Kulturlandschaft des Schwarzwalds, die für den Tourismus unabdingbar ist – jenem Wirtschaftsfaktor, der auch für Nordrach lebenswichtig ist.

In der Bredouille steckt jedoch die gesamte Ortenau. Denn aus historischen Gründen waren die Klein- und Obstbrennereien bislang nur im Süden und Südwesten Deutschlands angesiedelt, in der Ortenau ist ihre Dichte besonders hoch. Mit dem Ende des Branntweinmonopols ist aus Gleichstellungsgründen zudem die bundesweite Ausdehnung der sogenannten Abfindungsbrennereien erlaubt. Jener landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetriebe also, die über ein jährliches Brennkontingent von 300 Litern reinen Alkohol verfügen und deren tatsächlich produzierte Menge im Unterschied zu den zollamtlich verschlossenen Verschlussbrennereien nicht mit Messinstrumenten erfasst, sondern im voraus anhand amtlicher Ausbeutesätze errechnet wird.

Selbstvermarktung unter Wettbewerbsdruck

Beides bedeutet für hiesige Obstbrenner, wenn sie ab 2018 in die eigene – überdies sehr zeitaufwändige – aktive Selbst­vermarktung gehen müssen, einen starken Wettbewerbsdruck. Und zwar in der Verdrängung von Mitbewerbern, denn der Alkoholmarkt ist stark gesättigt, bei Spirituosen gar rückläufig. Zudem haben Obstbrände einen nur vier- bis fünfprozentigen Anteil am Gesamtmarkt, und natürlich bietet der Einzelhandel Spirituosen preiswert an, man braucht nur zum Supermarkt um die Ecke gehen.

Obendrein darf ein Abfindungsbrenner ausschließlich in Deutschland verkaufen – womit sich die Hoffnung von Nordrachs Bürgermeister Erhardt zerschlagen hat, gemeinsam mit der Partnergemeinde im Elsass einen Laden zu betreiben, in dem Nordracher Brände verkauft werden können.

»Sie müssen sich auf Marktnischen konzentrieren«, raten die Spezialisten Albrecht und Fritz den Nordracher Obstbrennern, »auf Raritäten wie zum Beispiel Apfelbrände, auch aus besonderen – beispielsweise alten – Sorten.« Eine zweite Maßnahme ist der Dialog mit dem Kunden, durch Tage der offenen Tür respektive der offenen Höfe, Brennereifeste und einiges mehr.

Aber auf jeden Fall sei es wichtig, so die informierenden Experten, dass man sein Spirituosensortiment auf jeden Fall erweitere. Dass man diverse Liköre oder auch einen Gin anbietet oder mit gekauften Rumdestillaten arbeite – »es gibt genügend Möglichkeiten, das Sortiment generell auch um verwandte Produkte zu erweitern, mit Fruchtweinen, Pralinen (die man mit dem eigenen Obstbrand herstellen lässt), Essige, Konfitüren usw.

Verkaufsfaktor »Regionalität«

Und da ist die Frage: »Wie kriege ich meinen guten Obstbrand aus dem Schwarzwald in den Norden, nach Berlin oder Hamburg?« Ein gemeinsamer Messestand der Badischen Kleinbrenner auf der »Grünen Woche« empfehle sich daher, »ganz ganz wichtig auch die Präsenz auf regionalen Messen – Regionalität kommt derzeit sehr gut an.« Wobei etablierte geografische Angaben wie »Schwarz­wälder Kirschwasser« oder »Schwarzwälder Himbeergeist« etc. EU-weit geschützt sind und nach Meinung der beiden Fachleute von Obstbrennern noch viel zu wenig verwendet werden.

»Aber wir müssen auch die Bevölkerung mit ins Boot holen«, betont Kordula Kovacs die Problematik »Menschen zu finden, die bereit sind, für regionale Produkte ein bisschen mehr zu bezahlen – unsere Täler wachsen sonst zu, und das will keiner.«

All dies erfordert eine Produktqualität, die unbedingt stimmen muss. Und eine Zusammenarbeit zwischen den Betrieben – in Form von Zusammenschlüssen zu Erzeugergemeinschaften, Genossenschaften. Wobei sich mit einem Stammtisch anfangen ließe, dem Jürgen Fritz auf Wunsch seine Unterstützung anbietet.

Im Bereich der Brennereiförderung weist Werner Albrecht darauf hin, dass es neben der Förderung von Investitionen zur Diversifizierung nun auch eine solche zur Modernisierung von Brenngeräten in bestehenden Kleinbrennereien besteht – das war früher ausgeschlossen. »Also gehen Sie zu den Landwirtschaftsämtern, wenn Sie überlegen, Ihre Abfindungsbrennblase zu modernisieren oder gegebenenfalls auch zu erneuern.« Um so mehr, als es hinsichtlich der Größe des Brenngerätes für Abfindungsbrennereien keine Beschränkungen mehr gibt. Aus betriebswirtschaftlichen sprich Kostengründen, denn je größer die Brennblase, desto proportional weniger Energie braucht man.

Die umfangreichen Folien zum Vortrag Werner Albrechts können auf Anfrage bei seinem Ministerium oder bei Frau Kordula Kovacs als pdf-Downloads zur Verfügung gestellt werden.

Brennhislitag am 15. Juni

»Wir haben das Thema schon seit zehn Jahren auf der Agenda«, ist Nordrachs Bürgermeister Carsten Erhardt entschlossen, jede sich findende Chance zu nutzen, den örtlichen Obstbrennern Rückenwind bei der Vermarktung zu geben. Den von Kordula Kovacs als wundervoll bezeichneten Obstbrenner-Wanderweg gibt es bereits, ebenso wie den erst dieses Jahr wieder sehr erfolgreich durchgeführten Obstbrennertag und den inzwischen überregional beliebten Brennhislitag. Letzterer wird heuer am 15. Juni stattfinden: Dann kann man von Brennhisli zu Brennhisli wandern und allerlei Leckereien sowie natürlich auch Hochprozentiges verkosten.

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