Oberharmersbach. »Irre«, sagt eine Frau. Und verleiht damit der ehrfürchtig-staunenden Bewunderung auch der übrigen 17 Zuschauer Ausdruck – ob all dessen, was in der 1834 erbauten, wie dereinst per Wasserrad betriebenen Gallussäge im Zuwälder Tal zu sehen, hören, riechen und fühlen ist.
Und Gallusbauer Manfred Lehmann steht an diesem vergangenen Freitag die Freude ins Gesicht geschrieben, dass er nun wieder seinem im Ehrenamt betriebenen Hobby nachgehen, den ganz und gar urtümlichen Besuchermagnet mit Leben füllen kann. Das erste Mal seit Beginn der Corona-Pandemie. Dass er Groß und Klein bei einer Führung endlich wieder nahebringen kann, wie dieses zum Hof gehörende historische Kleinod funktioniert. Dabei unterstützt wird er inzwischen von seinem achtzehnjährigen Sohn Jonas.
Um sich verständlich zu machen, muss der 48-Jährige sehr laut reden, denn ob des vergangenen starken Regens ist der Bach ungewöhnlich hoch gefüllt. Entsprechend lärmend rauscht das Wasser in der Zulaufrinne, die das »oberschlächtige« Wasserrad dank Druckwasserleitung von oben her speist und somit zum Laufen bringt. »Es ist glaube ich das erste Mal, seit ich hier Führungen mache, dass ich ohne die Hilfe des Elektromotors sägen kann – also nur mit dem Wasserrad«, erläutert Lehmann.
Sage und schreibe insgesamt 60 Wasserräder waren in Oberharmersbach bis in die 1920er Jahre in Betrieb, verloren dann aber durch den Anschluss an das öffentliche Stromnetz allmählich an Bedeutung. Bei der Gallussäge war es in den 1950er Jahren, dass ein Elektromotor eingebaut, die wiesendurchnässende Wasserzuleitung »zugeschoben« und das Wasserrad mit seiner imposanten Höhe von 4,5 Metern stillgelegt wurde.
In diesem Modus war die alte Bauernsäge noch bis 1970 als Lohnsäge im Einsatz: »Das Holz wurde aus dem Wald hierhergeschafft, in Bretter gesägt und weiterverkauft.«, erklärt Lehmann. Dann aber stampfte und ratterte die Säge nur noch für den Eigenbedarf, an wenigen Tagen im Jahr. So wie überhaupt die kleinen Sägewerke in dieser Zeit nach und nach verschwanden, weil im Zuge eines Strukturwandels größere und somit ökonomischer arbeitende Betriebe das Zepter in die Hand nahmen.
Intensive Eindrücke
Anno 1992 schlossen sich die Familie Lehmann, die Gemeinde Oberharmersbach und der Historische Ortsverein zusammen, um das historische Wasserrad samt Säge zu renovieren. 2014 schließlich ersetzte man das nun endgültig verfallene hölzerne Rad durch eines aus Metall. Zudem wurde die Säge mithilfe von Infotafeln, einer per Bewegungsmelder aktivierten Beleuchtung sowie Sicherheitsabsperrungen so hergerichtet, dass Gäste sie im Alleingang besichtigen können.
Ungleich intensiver die Eindrücke allerdings, wenn man die Gallussäge in Aktion erlebt und sich dadurch wie in eine vergangene Zeit versetzt fühlt. Wenn man beispielsweise sieht und hört, wie die Kraft des Wassers auf riesige Zahnräder übertragen wird, die wiederum das Sägegatter in Bewegung setzen. Wenn man spürt, wie der Holzbohlenboden unter den Füßen bebt. Wenn man das frisch gesägte Holz riecht, dazu das Fliegen der Sägespäne. Und schließlich das Sprühen der Funken, wenn die Sägeblätter geschärft werden. Wobei anschließend jeder einzelne Zahn per Hand nach links und nach rechts verschränkt werden muss.
»Wirklich irre«, wiederholt die Zuschauerin. »So etwas kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen.«
Das nächste Schausägen in der Gallussäge im Zuwälder Tal findet am kommenden Freitag, 30. Juli 2021, um 16.30 Uhr statt – spannend für Erwachsene wie für Kinder.





