Bei der Mitgliederversammlung in Oberharmersbach wird deutlich: Die Belastung für die Betriebe wächst – und das Vertrauen in die Landwirtschaft muss gestärkt werden.
„Wir haben viele junge Mitglieder gewinnen und halten können, was die Berechtigung beziehungsweise Notwendigkeit unserer Verbandsarbeit nachweist.“ Dies betonte die Ortsvorsitzende des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV), Anja Jilg, am vergangenen Dienstagabend anlässlich der Mitgliederversammlung im Gasthaus „Posthörnle“. Zugleich freute sie sich darüber, „dass wir viele ältere Mitglieder haben, die uns auch nach der Hofübergabe treu bleiben.“ Stolze 73 Köpfe zählt der Ortsverein. Dessen Vitalität zeigte sich auch an der Zahl derer, die der Versammlung beiwohnten. „19 Leute – das ist beachtlich“, zeigte sich Bezirksgeschäftsführer Lukas Schaudel beeindruckt: „Oft finde ich mich in Ortsversammlungen mit gerade einmal fünf Leuten wieder.“
Im Zuge der Totenehrung gedachte der Verein mit dem Verlesen eines Nachrufs des verstorbenen Mitglieds Wilhelm Haas.
Gestärkte Zusammenarbeit
In ihrem Rückblick für das Jahr 2025 stellte Anja Jilg fest, dass man zumindest an der Bauernzeitung bemerke, dass die Zusammenarbeit mit dem LBW, „also unseren württembergischen Kollegen“, stark zugenommen habe. Zwar hätten die Ausschussdelegierten nun zum Teil weite Anreisen. Das aber sei alles machbar, wenn dadurch Kosten eingespart und die gemeinsame Arbeit Synergieeffekte bringe. Sie resümierte: „Die Verbandsarbeit durch Bündelung stärken – das muss unser gemeinsames Ziel sein.“
„Leidensfähigkeit hat Grenzen“
Dies sei vor dem Hintergrund zu sehen, dass sich in der Ortenau die Zahl der Rinder seit dem Jahr 2008 von 33.500 Tieren um rund ein Viertel reduziert hat, die Zahl der Betriebe sogar um 40 Prozent. „Wer über teures Fleisch klagt, muss sich fragen, warum die Politik die Tierhaltung zunehmend erschwert“, zitierte die Vorsitzende den Verbandspräsidenten Bernhard Bolkart. Aus diesem Grunde suche der Verband immer wieder das Gespräch mit Politikern, veranstalte Gesprächsrunden auf den Höfen – auch mit Praxisvorführungen, wie zum Beispiel zur Gülleausbringung in Steillagen. „Das hat ja zum Teil Früchte getragen“, stellte die Vorsitzende fest und äußerte ihre Erleichterung darüber, dass die geplanten Änderungen zum Bundeswaldgesetz durch den vorgezogenen Regierungswechsel vom Tisch seien.
Was allerdings künftig in Baden-Württemberg auf die Landwirte zukomme, werde man sehen: „Unsere Leidensfähigkeit hat Grenzen. Ich hoffe, das begreift auch die neue Landesregierung.“ Die Vorsitzende bedauerte, dass es nicht gelungen sei, mit Abgeordneten eine Podiumsdiskussion in Oberharmersbach auf die Beine zu stellen. Immerhin sei ein Arbeitsfrühstück mit einer angeregten, zweistündigen Diskussion zwischen dem Landtagsabgeordneten Volker Schebesta, dem BLHV-Kreisvorstand und den örtlichen Vorstandsmitgliedern zustande gekommen.
Vertrauen statt Kontrolle
Ein Absatz „ganz oben“ auf der BLHV-Agenda spreche ihr aus dem Herzen, so Anja Jilg. Er lautet: „Unsere Landwirtinnen und Landwirte führen ihre Höfe seit Generationen – mit Erfahrung, Verantwortung und Herz. Sie sind ausgebildete Fachleute mit breitem Wissen in Produktion, Betriebsführung, Umwelt- und Klimafragen. Damit sie ihre Aufgaben auch in Zukunft erfüllen können, brauchen sie mehr Vertrauen statt Kontrolle, mehr Freiraum statt Detailvorgaben. Politiker und Verwaltung müssen ihre Fachkompetenz anerkennen und ihnen die unternehmerische Freiheit geben, eigenverantwortlich und praxisnah zu handeln.“
In ihrem Bericht ging die Ortsvorsitzende zudem auf weitere Vorstandstätigkeiten des Vereins ein. Dazu gehörte unter anderem die Teilnahme an Kreisvorstandssitzungen, am Landesbauerntag und an der Kreisversammlung. Die Oberharmersbacher Christoph und Landolin Jilg erklärten sich bereit, im Kreisvorstand mitzuarbeiten.
Arbeit im Ortsverein
Gemeinsam mit den Landschaftserhaltungsverbänden (LEV) betreute der Ortsverein auf der Messe „FORST live“ (Fachmesse für Forsttechnik & Jagd in Offenburg) einen Stand – aufgrund einer Entscheidung auf Bezirksebene zum letzten Mal jedoch. Auch das Tierzelt auf der Oberrheinmesse wird es künftig nicht mehr geben – „die Auflagen in Sachen Hygiene und Tierschutz sind kaum noch zu erfüllen“, erläuterte Anja Jilg.
Überdies nahm der Verein an der Mitgliederversammlung des örtlichen „Schwestervereins“ teil – den Landfrauen, mit denen gemeinsam er auch beim „Winterzauber“ bewirtete. Anja Jilg: „Was wären wir ohne euch.“ Er stellte sich bei der Einwohnerversammlung vor, führte einen bestens besuchten Erste-Hilfe-Kurs im Wald durch, einen Bauernstammtisch sowie gemeinsam mit der Forstbetriebsgemeinschaft eine Tour zum Stihl-Werk in Waiblingen.
Außerdem nahm die Vorsitzende Termine bei der LEADER-Aktionsgruppe wahr, bei der sie für den BLHV im Vorstand sitzt.
Neuwahlen: Hoffen auf Jüngere
Ob der vorbildlichen Arbeit des Kassierers (die Kasse zeigt ein nahezu unverändertes, beruhigendes Plus) sowie des Gesamtvorstands erfolgte die einstimmige Entlastung. In einer turnusgemäßen Neuwahl wurde der gesamte Vorstand in seinen Ämtern bestätigt – mit Anja Jilg, Manfred Lehmann und Stefan Jilg als erstem, zweitem und drittem Vorsitzenden, Thomas Lehmann als Kassierer sowie Martin Lehmann und Stefan Echle als Beisitzer. Die Kassenprüfung übergaben Bernd Zimmermann und August Schnaiter an Magdalena Armbruster (Vorsitzende Ortsverein LandFrauen) und Stefan Echle.
Anja Jilg hofft darauf, den Vorsitz bei der nächsten Wahl in drei Jahren an jemand Jüngeren abgeben zu können. „Es geht um unsere Berufsstandsvertretung!“, mahnte sie. Dass immer wieder BLHV-Ortsvereine fusionieren müssen, führte sie aus, „weil die Mitglieder nicht bereit sind, sich im Vorstand zu engagieren. Auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft gibt es gravierende Probleme.“ Sie betonte: „Wir Landwirte werden zwar immer weniger – aber uns wird die KI nicht ersetzen. Wir und das Handwerk sind die Berufe der Zukunft.“
Informationen des Bürgermeisters
Bürgermeister Richard Weith informierte im Rahmen der Maschinenförderung zum gemeinsam genutzten Bergmäher, der bei Christoph Jilg untergestellt ist und aus technischen Gründen dringend ersetzt werden müsste. Er wurde erneut für ein Förderprogramm platziert, aufgrund von Mittelkürzungen ist ein positiver Entscheid des Umweltministeriums (frühestens im August) allerdings eher unwahrscheinlich.
In puncto kommunaler Unterstützung dankte Richard Weith den Landwirten für ihr Verständnis hinsichtlich der Notwendigkeit vergangener Förderungskürzungen. Aufgrund einer inzwischen etwas besseren Haushaltslage konnten die Förderungen in diesem Jahr zumindest leicht erhöht werden.
Humus-Wasser-Modellregion
Als Vorstandsmitglied des Naturparks Schwarzwald Mitte/Nord äußerte er sich zur Humus-Wasser-Modellregion im Kinzigtal. Hier erarbeitet und erprobt der Naturpark mit Kommunen und landwirtschaftlichen Betrieben sowie Fachleuten aus Wissenschaft und Beratung wirksame praktische Lösungswege für eine klimaangepasste Landwirtschaft. Geplant sind Humusaufbau und wasserleitende Maßnahmen.
Eine Auftaktveranstaltung in Oberharmersbach stieß auf sehr geringes Interesse. Nun aber hat sich ein Betrieb aus dem Ort als Projektteilnehmer gemeldet. „Da wäre es wünschenswert, wenn sich der eine oder andere doch noch entschließen könnte, da mitzumachen.“ Weitere Informationen unter www.naturparkschwarzwald.de.





