Der aus Zell stammende Generalkonsul Wolfgang Mössinger erinnert sich.
Mit Dr. Wolfgang Schäuble starb einer der profiliertesten und einflussreichsten Politiker Deutschlands. Den vielen Nachrufen kann ich die Schilderung einer Begegnung mit ihm im Jahre 2009 hinzufügen.
Damals war ich Deutscher Generalkonsul in Edinburgh.
Großbritannien hatte im Jahr 2009 den Vorsitz der G20 inne. Wie es in diesen Fällen üblich ist, lud das Land zu einem informellen Treffen der Finanzminister nach Hause ein. Schatzkanzler (Finanzminister) des Vereinigten Königreichs war damals Alistair Darling, ein Schotte mit Wahlkreis in Edinburgh.
Als Konferenzort wurde St. Andrews ausgewählt. Das kleine Städtchen rund 70 Kilometer nördlich von Edinburgh auf der anderen Seite der Bucht „Firth of Forth“ ist bekannt durch seine alte Universität und als Geburtsort des Golfsports. Allerdings waren die Hotelkapazitäten begrenzt. Die Gastgeber hatten ein Hotel außerhalb der Stadt als Konferenzort und Unterkunft für die Delegationschefs (Minister) vorgesehen, das gut zu bewachen war. Allerdings reichte die Zimmerzahl gerade mal aus, um alle Delegationschefs plus einen persönlichen Mitarbeiter und jeweils zwei Sicherheitsbeamte unterzubringen.
Das Generalkonsulat wurde vom Auswärtigen Amt beauftragt, dem Bundesfinanzministerium logistische Unterstützung zu gewähren und den Bundesfinanzminister und seine Delegation zu betreuen.
Es war im November 2009, kurz nach der Bundestagswahl. Die Krux war, dass wir bis eine Woche vor der Konferenz nicht wussten, wer der neue Bundesfinanzminister werden würde. Die Große Koalition war abgewählt worden, sodass klar war, dass der amtierende Minister Peer Steinbrück nicht mehr im Amt sein wird. Aber wer wird es? Als Favorit wurde Karl-Theodor zu Guttenberg gehandelt. Auf diesen freute ich mich, denn ich hatte ihn vor meiner Ausreise nach Edinburgh 2008 kurz kennengelernt. Dabei sagte er mir, dass er in Schottland studiert habe und sehr gerne mal nach Schottland kommen würde, um Vorträge an Universitäten zu halten. So hatte ich die Hoffnung, dass ich ihn dazu überreden könnte, die Reise zur G20-Konferenz mit einem Vortrag an der Uni St. Andrews zu verbinden. Kollegen anderer europäischer Staaten hatten ihre Finanzminister bereits entsprechend vorbereitet und ich wollte natürlich hier nicht zurückstehen.
Dann kam es jedoch anders, überraschend anders. Die Bundeskanzlerin nominierte den bisherigen Innenminister Schäuble als Finanzminister. Dies war für mich einerseits eine Freude, da ich ihn im Jahr zuvor in London bei einer Veranstaltung der Deutschen Botschaft kennengelernt hatte. Der damalige Botschafter Georg Boomgaarden hatte mich aus Edinburgh hergebeten, da er in den Lebensläufen sah, dass sowohl Wolfgang Schäuble als auch ich das Gymnasium Hausach besucht hatten. Er wollte mir am Rande der Veranstaltung die Gelegenheit geben, mich mit Herrn Schäuble auszutauschen. Dieses sehr freundliche Gespräch war mir in guter Erinnerung geblieben und ich fragte mich, ob er sich an mich noch erinnern würde. Andererseits wussten wir, dass diese Personalentscheidung schwierige logistische Fragen aufwerfen würde, da Herr Schäuble in einer wesentlich höheren Sicherheitsstufe war als alle anderen möglichen Kandidaten (als ehemaliger Innenminister und Opfer eines Attentats). So harrten wir der Dinge, die da kommen mochten.
Am Tag nach der Ernennung und Vereidigung erhielten wir auch prompt einen sechsseitigen Erlass, der minutiös auflistete, welche besonderen Anforderungen für Herrn Schäuble erfüllt werden mussten. Dabei möchte ich betonen, dass dies nicht der besondere Wunsch von Herrn Schäuble war, sondern seiner bisherigen Tätigkeit geschuldet und entsprechend den Vorgaben für Personenschutz folgte.
Besonders drei Punkte machten uns zu schaffen:
1. Wegen seiner besonderen Gefährdung reiste er mit sechs statt wie üblich mit zwei Sicherheitsbeamten, wobei zwei der Beamten als ausgebildete Sanitäter sich auch um seine Gesundheit kümmerten.
2. Sein Hotelzimmer musste seinen besonderen Anforderungen entsprechen, zum Beispiel bezüglich der Höhe des Bettes samt Matratze.
3. Die Anreise vom Flughafen Edinburgh nach St. Andrews (ca. eine Stunde) müsse in einem gepanzerten Fahrzeug erfolgen.
Während die Anforderungen für das Hotelzimmer vom professionellen Hotelpersonal ohne größere Diskussion erfüllt wurden, prallten die beiden Sicherheitsanforderungen auf objektive Fakten: Es gab im Hotel keine zusätzlichen Zimmer und es gab in Schottland nirgendwo ein gepanzertes Auto, das man hätte anmieten können (das Generalkonsulat hatte keines und das eine an der Botschaft London wurde gleichzeitig für einen anderen offiziellen Besuch benötigt).
Damit war der Arbeitsplan des Generalkonsulats für die nächsten Tage vorgezeichnet und Hektik breitete sich aus. Es mussten weitere Hotelzimmer im Ort gefunden werden. Die beiden nächsten zum Konferenzort waren ebenfalls ausgebucht mit Journalisten und weiteren Delegationsmitgliedern. Schließlich fanden wir noch Zimmer im „Royal & Ancient Golf Club“ von St. Andrews, dem schlossähnlichen Gebäude neben dem berühmten Golfplatz. Die Preise waren dort doppelt so hoch wie im Konferenzhotel, aber das spielte dann keine Rolle mehr. Die Zimmer waren, wie der Name sagt: royal und ancient, das heißt: sehr mondän, aber auch altmodisch und kitschig.
Was das Auto anging: das nächstgelegene gepanzerte Auto hätte man in Newcastle mieten können, etwa dreieinhalb Autostunden von Edinburgh entfernt. Der Fahrer des Generalkonsulats war früher Panzerfahrer in der britischen Rheinarmee und hatte die Berechtigung und Erfahrung, solche Fahrzeuge zu führen. Allerdings war die Verleihfirma nicht bereit, das Auto ohne eigenen Fahrer zu vermieten. Eine Sicherheitsüberprüfung des Fahrers innerhalb weniger Tage war nicht möglich. Also was tun?
Da ich mich ja vor Ort auskannte, schlug ich vor, dass Herr Schäuble nicht in Edinburgh landet, sondern in dem britischen Luftwaffenstützpunkt Leuchars. Für die sechs Kilometer Landstraße von Leuchars nach St. Andrews könne man auf ein gepanzertes Fahrzeug verzichten, so die Bundespolizei. Nur ein Auto mit besonders großem Innenraum müsse es sein, damit Herr Schäuble ohne fremde Hilfe vom Rollstuhl ins Auto steigen könne. Außerdem müsse der Fahrer des Generalkonsulats und ich selbst die ganze Zeit vor Ort sein. Dies bedeutete, dass wir noch zwei Zimmer im „Royal & Ancient Golf Club“ anmieten mussten.
Das Fahrzeug war schnell gefunden; nur der Kommandant des Stützpunktes war von der Idee gar nicht begeistert. Mit Hilfe des Militärattachés der Deutschen Botschaft in London konnten wir dann doch die Erlaubnis bekommen, dass Herr Schäuble mit einer kleinen Challenger-Maschine in Leuchars landen und wieder abfliegen konnte.
So gewappnet, erwarteten wir den hohen Gast am Stützpunkt Leuchars. Kurz vor ihm landete ein weiteres offizielles Flugzeug mit einem hohen Gast, den wir zunächst nicht identifizieren konnten. Als Herrn Schäubles Challenger gelandet war, wurde er im Rollstuhl die Treppe heruntergebracht und in einer bewundernswerten Weise bestieg er den Wagen vom Rollstuhl aus ohne fremde Hilfe.
Frau Schäuble kam nach der Landung sofort auf mich zu und sagte mir, dass ihr Mann wolle, dass ich ihn im Auto begleite. Wir seien ja auf dieselbe Schule gegangen. Er hat sich also an mich erinnert.
Bei der Ausfahrt aus dem Gelände der Basis erkannte Herr Schäuble, wer vor ihm gelandet war: „Des isch doch de Junker us Luxemburg. Was mocht der denn do? Der soll doch gar nit do si!“ Wie sich herausstellte, hatte sich der luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker als Vorsitzender der „Eurogruppe“ mehr oder weniger selbst eingeladen, zum Unwillen der Euro-Finanzminister.
Auf der Fahrt ließ sich Herr Schäuble kurz über St. Andrews und die schottische Politik informieren, bevor er dann in den Dialekt überging und sofort wieder an das Gespräch von London anknüpfte. In dieser gelockerten Atmosphäre, im alemannischen Dialekt, traute ich mich, ihm die Frage zu stellen, die ihm seit seiner Ernennung zum Finanzminister alle stellen wollten und keiner sich traute: „worum dien Sie sich so ebbes nochämal o?“ Seine Antwort war prompt und heftig: „Ja, wenn die mich frogt!“ Selbst im Dialekt kam so das Pflichtbewusstsein von Herrn Schäuble durch: Man verweigert sich nicht einer Aufgabe, die an einen herangetragen wird, wenn man damit seinem Land dienen kann, so habe ich das verstanden und – ich glaube – so war es auch gemeint. Er fügte dann schmunzelnd hinzu: „Jetz bin i widder do, wo i ogfonge hab, bei der Steuerverwaltung!“
Jedenfalls setzten wir in dieser Stimmung die Fahrt nach St. Andrews fort. Ich konnte ihm noch das Versprechen abnehmen, für das Zeller Blättle ein gemeinsames Foto zu machen: Zeller trifft Gengenbacher in Schottland!
Vor dem Hotel warteten schon Dutzende von Journalisten mit Kameras und Mikrofonen. Wir hielten etwas abseits davon, damit er unbeobachtet aussteigen konnte, wieder ohne fremde Hilfe vom Rücksitz des Autos in den Rollstuhl. So rollte er auf die Journalisten zu und gab die ersten Interviews.
Während der dreitägigen Konferenz konnte ich beobachten, wie dieses Pflichtbewusstsein wirkt: in unbeobachteten Momenten sank Herr Schäuble in sich zusammen und wirkte erschöpft und müde. Sobald sich ein Mitarbeiter, Gesprächspartner oder Journalist näherte, setzte er sich aufrecht und wandte sich dieser Person zu.
Das versprochene Foto wurde zwischen bilateralen Terminen gemacht. Dabei mussten Mitarbeiter aus dem Finanzministerium und der Finanzminister aus Korea erstmal warten, das Foto ging vor.
Die Absprachen vor Ort zwischen dem Generalkonsulat und Herrn Schäubles Delegation verlief zumeist über seinen Pressesprecher, Herrn Michael Offer, den er ein Jahr später unter unwürdigen Umständen zum Rücktritt drängte. In St. Andrews erwies sich Herr Offer als äußerst kompetenter und freundlicher Partner, vor allem wenn es um die „Dosierung“ der öffentlichen Äußerungen gegenüber den zahlreich vertretenen deutschen Journalisten ging. Am zweiten Abend ließ sich Herr Schäuble erweichen, mit diesen Journalisten ein „Hintergrundgespräch“ zu führen. Herr Offer bat mich, einen Tisch entsprechend zu organisieren. Nachdem so etwa zehn Journalisten, Herr Schäuble und Herr Offer, um einen Tisch in der Hotellobby saßen, winkte mich der Minister zu sich. „Hole Se mir mol a trockene Rotwii!“. Gesagt, getan und eine halbe Stunde später nochmal dasselbe.
Relativ spät war damit der zweite Tag beendet. Am nächsten Morgen spürte man zwar, dass die Laune bei ihm nicht besonders gut war, warum auch immer. Dennoch fragte er mich nach der Begrüßung, ob ich schon das Geld für den Rotwein bekommen hätte. Mit dieser Aufgabe wurde dann Herr Offer betraut.
Die Abreise war am Abend gegen 18 Uhr vorgesehen. Die Ehepartner der Minister waren an diesem Tag mit Frau Darling unterwegs, um die Schönheiten der schottischen Landschaft zu genießen und Schulen zu besuchen.
Gegen Mittag herrschte Aufregung im deutschen Delegationszimmer. Herr Offer kam heraus mit ernster Miene: Der Minister will sofort abreisen und lässt sich auch nicht davon abbringen, dass dies mit großem logistischem Aufwand verbunden ist. Seine Frau musste mit separatem Polizeifahrzeug von der Reisegruppe abgeholt werden, die Flugzeugcrew musste sofort zum Flughafen, um das Flugzeug startklar zu machen und einige der Mitarbeiter, die mit ihm in der Challenger kamen, mussten bleiben und dann am nächsten Tag mit Linienflügen zurück nach Berlin. Aber das war seine Entscheidung und die war unabänderlich.
Als Frau Schäuble dann eintraf, sah man ihr die Peinlichkeit an und sie kam direkt auf mich zu und sagte: „Es ist besser, wenn ich jetzt mit ihm im Auto fahre!“. Inzwischen war alles für die Abreise vorbereitet und der kleine Konvoi mit ihm und zwei Begleitfahrzeugen setzte sich Richtung Leuchars in Bewegung.
Wenn man diese Begebenheit liest, könnte man versucht sein zu fragen, ob sich der Aufwand solcher Konferenzen lohnt. In diesem Fall kann man diese Frage vollkommen bejahen. Sie fand mitten in der Finanzkrise der Jahre 2008/09 statt. Hauptthema war, einen Finanzierungsmodus für die Bekämpfung der Klimakrise zu finden. Dieses Ziel wurde zwar nicht erreicht; das Treffen war jedoch ein weiterer Schritt hin zu der Grundsatzverständigung, dass weltweiter Klimaschutz auch mit finanzieller Unterstützung der ärmeren Länder einhergehen müsse. Es hat noch viele Jahre gedauert, bis diese Erkenntnis dann auch in Taten umgesetzt wurde. Aber nur der stete Tropfen höhlt den Stein derjenigen, die sich solchen gemeinsamen Aktionen widersetzen. Für Herrn Schäuble war die Konferenz der Einstieg in die internationale Finanzpolitik und Gelegenheit, viele der wichtigen Partner näher kennenzulernen.




