Sommergewinn in Eisenach

Das große Eisenacher Volksfest musste in diesem Jahr zum ­zweiten Mal ausfallen – Prädikant Gottfried Zurbrügg berichtet von seinen Erfahrungen und Erlebnissen in Thüringen

Für vier Wochen übernimmt Prädikant Gottfried Zurbrügg die Vertretung für das Pfarramt an der Annenkirche in Eisenach. Er berichtet für unsere Leser von seinen Erfahrungen und Erlebnissen in Thüringen:

Es gilt den Winter auszutreiben und den Sommer zu gewinnen. Bisher war es hier noch recht kalt auf den Höhen des Thüringer Waldes. Aber der Frühling kommt. Blumen blühen, Vögel singen und es stürmt in den Wäldern. Hier in Eisenach feiert man am Sonntag Lätare ein Frühlingsfest.

Lebensfreude am Sonntag Lätare

Um 1300 wurde mit päpstlichem Erlass die vierzigtägige Fastenzeit durch einen besonderen Sonntag unterbrochen. Am Sonntag Lätare »Freuet euch« durften die Menschen feiern und essen. Hier in einer streng evangelischen Gegend ist Fasching, Karneval oder Fastnacht unbekannt. Aber am Sonntag Lätare bahnt sich auch hier die Lebensfreude die Bahn. Die evangelische Passionszeit war sehr streng und die Stadt- und Burgherren achteten auf die strenge Einhaltung der Passionszeit.

Aber zu Füßen der Wartburg gab es eine Siedlung von Leibeigenen am Steigk, einer steilen Straße zur Burg hoch. Die Siedlung lag außerhalb der Stadtmauer und gehörte nicht zur Stadt. Aber gerade dort entstand am Sonntag
Lätare ein besonderes Fest – der Sommergewinn.

Winter und Sonne – zwei wichtige Umzugswagen

Seit 1897 ist aus dem Frühlingsfest der kleinen Leute ein großes Volksfest geworden. Die Neustadt und Vorstadt wird mit Blumen geschmückt und eigentlich gibt es einen herrlichen Umzug mit zwei wichtigen Wagen: Winter und Sonne. Darauf stehen die Personen und führen ein lautstarkes Streitgespräch. Dazu gibt es Themenwagen und der Umzug erinnert an einen großen Fastnachtsumzug.

Leider musste das große Volksfest am vergangenen Sonntag ausfallen und fand fast nur im Internet statt. Aber das ist nicht dasselbe. Die Wagen stehen im Vereinshaus. Nur der Blumenschmuck war da und natürlich gab es einen Gottesdienst in der Annenkirche, in der ich Pfarrer bin.

»Gut, gut ei, Kikeriki«

Damit habe ich am Sonntag Lätare meine große Gemeinde begrüßt. Die Sommergewinnzunft war mit vielen Mitgliedern gekommen. Sie trugen ihre Zunfthüte mit dem typischen Hahn. Er erinnert an Petrus, den der erste Hahnenschrei erschreckte, weil er tatsächlich Jesus dreimal verleugnet hatte. Der Hahn ist aber auch Frühlingssymbol wie Ei und Brezel, die hier überall in der Dekoration zu sehen sind.

Wir trafen uns erst vor der Kirche. Die Posaunen spielten Choräle und Frühlingslieder. Dann ging ich in die Kirche und nach ein paar Minuten folgte die Gemeinde.

»Die güldne Sonne voll Freud und Wonne« war das Be­grüßungslied. Der Gottesdienst wurde von Herrn Knechtel, dem ehemaligen Kirchenmusikdirektor von Köthen begleitet. Leider musste der Gottesdienst sehr kurz sein, denn auch hier gilt die halbe Stunde als Richtschnur.

Nach der Predigt bat ich den Zunftmeister ein paar Worte zu sagen. Er trug ein Gedicht im Stiegker Platt vor. Vor dem Segen wies ich darauf hin, dass im aaronischen Segen durchaus die Sonne angesprochen sei. Ihre Wärme ist ein Zeichen der Güte Gottes und ein bisschen mehr Frühlingssonne können wir tatsächlich brauchen.

Wir stellten uns und dann vor der Kirche zum Bild auf. Die Zunftmitglieder sind nah verwandt und alle getestet. Natürlich trugen wir Masken und hielten auch den Abstand ein. Es ist ein Jammer, dass nun zum zweiten Mal das große Eisenacher Volksfest ausfallen muss. Das berühmte Streitgespräch von Winter und Sonne fand nur online statt.

Schwarzwälder Post – Ihre Druckerei im Mittleren Schwarzwald