Wenn Diogenes hier gelebt hätte …

Eine heitere Geschichte von Renate Oswald

Der berühmte griechische Philosoph soll angeblich in einer Tonne gewohnt haben, so ist es jedenfalls überliefert. Vielleicht war es ja nicht gerade eine Regentonne oder was ähnliches? Ich stelle mir eher ein Tonnengewölbe vor, denn sonst hätten er und seine Frau wohl kaum Platz darin gehabt, doch scheint die Behausung recht eng gewesen zu sein.

Anapoxa so hieß seine Frau, hatte ihn den ganzen Morgen schon genervt. Er sei so schlampig und würde überall sein Zeug rumliegen lassen. Überall lägen seine Zettel; selbst auf dem Boden. Und was ist mit Dir, gab er zurück: da hängt doch alles voll mit dene »Spinnehudle«, die stören Dich wohl nicht? Doch sie maulte immer weiter. Da hat er auf stur geschaltet und seine Ohren auf Durchzug gestellt. Er dachte an seine früheren Studien über die Stoiker nach und versuchte entsprechend ruhig zu bleiben und einfach »contenance« bewahren. Doch sein Schweigen war erfolglos, Anapoxa lärmte weiter. Heute war wohl wieder ein Tag an dem sie besonders »nousig« war. Nun wollte er hinaus ins Freie, doch sie stand auf dem »Trippl« und versperrte ihm den Weg und ließ ihn einfach nicht durch zur Treppe. Da war es mit seiner Geduld vorbei.

Es rutschte ihm die Hand aus und er schlug sie leicht »auf’d Gosch«, auf den Mund also. Da gab’s noch einen Brieller, dann war Ruhe. Er wusste aus Erfahrung dass sie nun »pfuse« würde und den Rest des Tages eingeschnappt wäre. Immerhin machte sie so viel Platz, dass er an ihr vorbei kam. Er stieg die wenigen Stufen hinunter und ging auf den Eingang der Tonne zu. Ursprünglich hatte er nicht vorgehabt draußen zu sein, denn er wollte einen Essay über Epikur und die hohe Kunst des Genießens schreiben. Doch die Lust war ihm vergangen, und außerdem hatte er dort auch keinen Anschluss für seinen »Apple Macintosh«. Tatsächlich gab es unten nur wenig Platz. Er reichte nur für einen Stuhl »zwischen Tür und Angel«, wie es so schön heißt, aber nachdenken und gucken konnte er allemal. Vielleicht kam auch jemand vorbei den er kannte, mit dem könnte er dann »a Schwätzle halte«. Ach wie schön, jetzt kam auch gerade »d sun rus«. Zufrieden mit sich und mit der Welt blinzelte er ins Licht. Er dachte über sich und Anapoxa nach, wie sie immer alles »verdrille« musste und sie deshalb viel miteinander Streit hatten, aber schließlich doch beieinander geblieben waren, da sie aneinander gewöhnt waren und sich immer noch mochten. Ein paar Gedanken gingen ihm durch den Kopf wie es sein würde, wenn sie noch älter würden: Wer von uns beiden wird wohl das Alter zuerst so richtig zu spüren bekommen? Aus welchen von unseren »Breschdeli« würden richtige Gebrechen werden? Oder würde eins von ihnen gar eines Tages dann »wislos« sein, also im Kopf nimmer klar?

Dies alles ging ihm so durch den Kopf, als eine Gruppe von Männern näher kam. Fremdländisch sahen sie aus, machten was her, stellten was dar. Sie grüßten und er nickte zurück. Doch sie setzten ihren Weg nicht fort. Nach einem kurzen Wortwechsel untereinander nahm einer seinen Helm ab und ging auf Diogenes zu. Offensichtlich hatte er den Philosophen erkannt und wollte ihm seine Ehrerbietung erweisen. Und plötzlich stand er neben ihm, nein er stand unmittelbar vor ihm. Der scheue Philosoph schrak zurück, denn dies war ihm ein Zuviel an Nähe. Erst sah er ihn nur eine Weile an, dann bewegten sich seine Lippen und er formulierte die berühmt gewordenen Worte. Nein, es war nicht »Geh mir aus der Sonne«. Er sagte vielmehr: »Geh mir aus de Heitere«, wie es auf Badisch heißt, wenn jemand im Licht steht.«
Der Feldherr, es war nämlich Alexander der Große, war etwas verblüfft, denn er wollte ihn eigentlich nach seinem Wohlergehen fragen, ihm einen Gefallen tun oder einen Wunsch erfüllen. Da aber von Diogenes nur die Bitte kam ihm aus dem Licht zu gehen, kam er dem nach und ging verwundert weg.

Schwarzwälder Post – Ihre Druckerei im Mittleren Schwarzwald