Adventsgeschichte von Gottfried Zurbrügg: Lächle und die Natur lächelt zurück

Gottfried Zurbrügg ist pensionierter Lehrer, Buchautor – und Prädikant. Er liebt das Leben und die Menschen, beobachtet genau und macht sich seine Gedanken. Die teilt er gerne mit den Lesern der »Schwarzwälder Post«. Er schreibt …

Heute morgen kam ein Trupp Blaumeisen auf unseren Balkon! Wir sind sofort ans Fens­ter, denn den ganzen letzten Winter haben wir keinen Vogel gesehen. Es waren fünf Blaumeisen, die den Meisenknödel begutachteten, an der Calluna-Knospenheide zupften und sich unseren Balkon ansahen. Ja, Sie haben richtig gelesen. Natürlich haben sich die Meisen alles angesehen. Es sind doch intelligente Vögel, die wissen müssen, wo es Winterfutter gibt. So wie wir nach einem Restaurant Ausschau halten. Übrigens ganz genauso.

Wir schauen auch die Einrichtung an, ob die Stühle bequem sind, ob die Tische schön gedeckt sind und dann, dann schauen wir in die Gesichter. Ist der Kellner freundlich, ist die Bedienung diskret, sind die Gäste angenehm. Erst wenn alles stimmt, treten wir ein, nehmen Platz, essen ein bisschen etwas und dann bitten wir vielleicht den Kellner um eine Karte, denn wir werden wiederkommen.

So sind wir Menschen und oft genug furchtbar wählerisch. Überall beobachten uns Kameras, aber nicht mit klopfendem Herzen, sondern mit kalten Augen und seelenlosem Bildschirm.

Wo bleibt der Blick hängen? Was wird als interessant wahrgenommen? Wie kann ich den Kunden gewinnen?

Nein, nicht in die Kamera lächeln, sondern die Menschen ansehen und dann diese Brücke schlagen, von Mensch zu Mensch.

Gestern waren wir auf dem Weihnachtsmarkt. Ein Bettler saß am Straßenrand. Ich gab ihm einen kleinen Betrag und er freute sich sichtlich. Dann kam jemand, warf eine Münze ein und sagte ärgerlich und sehr schulmeisterlich: »Aber vertrink das nicht!«

Ich musste etwas dazu sagen. »Der Mann ist erwachsen«, kam es mir über die Lippen, »und kann selbst entscheiden. Es ist eine Frage der Menschenwürde!«

Ich vergesse den Blick nicht, dieses strahlende Gesicht des Bettlers, die klaren Augen. Er hatte bestimmt in dem Zusammenhang noch nie das Wort Menschenwürde gehört.

Menschenwürde heißt einander ernst nehmen, mit dem Menschenblick und nicht mit der herzlosen Kamera.

In dem Augenblick kommt eine der Meisen näher, fliegt auf den Tisch und schaut mich an. Ich spüre den prüfenden Blick. Am liebsten hätte ich gesagt: »Komm rein!« Aber so gut kennen wir uns nicht. Ich halte den Blick aus und schaue freundlich, einladend. »Ihr seid hier willkommen«, sagt mein Blick und ich spüre, das intelligente Vögelchen versteht mich.

Natürlich können Vögel, Meisen, Wespen und Tiere den Gesichtsausdruck eines Menschen deuten.

Habe ich eine Einladung ausgesprochen? Ein Winterangebot gemacht: »Wann immer ihr kommt, Ihr seid willkommen?«

Wenn sie wiederkommen auf ihrem Flug über die Steinwüste, die wir aufgebaut haben, in der es kaum Futter gibt, dann haben sie die Einladung verstanden.

Natürlich werden sie die Botschaft weitergeben. Sie glauben nicht, dass die Tiere miteinander kommunizieren, aber Ihrem Handy glauben Sie? Das wundert mich sehr, denn das Handy meint nicht Sie, sondern Ihren Geldbeutel, aber die Meise, die Amsel, die meinen Sie. Sie suchen einen Futterplatz, eine Unterkunft. Sie sind Bettler geworden, die um Hilfe bitten. Früher gehörte die ganze Landschaft ihnen, bis die Menschen kamen, Häuser bauten und alles für sich beanspruchten.

Menschen haben ihre Würde, aber auch Tiere und Pflanzen. Sie hören Peter Wohlleben, den Förster aus der Pfalz? Der mit den Bäumen spricht?

Ach ja, da steht der Weih­nachtsstern, den wir vor ein paar Tagen gekauft haben. Der sieht nicht mehr so gut aus, wie im Laden.

Haben Sie Geduld mit dem armen Geschöpf. Es hat Fürchterliches hinter sich. Lichtstress und Wassernot, grelle Beleuchtung und tiefe Nacht. Ihm wurde ein Tag – Nachtrhythmus aufgezwungen, der so gar nicht in die Jahreszeit passt, nur damit er auf der Bühne – ich meine im Verkaufsraum- strahlt wie ein Schauspieler. Er kennt den gnadenlosen Blick des Gärtners, der alle rauswirft, die nicht mehr können. Die Auswahl ist hart, aber die Show muss weitergehen.

Nun ist er runter von der Bühne und muss sich erholen, genau wie eine Tänzerin. Geben Sie ihm zu trinken, Licht, wie er es braucht und vor allem die entspannende Erholung: Hier bin ich Pflanze, hier darf ich sein.

Als ich wieder zum Balkon schaue, sind die Meisen verschwunden. Ich hoffe so, sie kommen wieder.

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