»So habe ich eine Lesung noch nie erlebt«

Publikum war voll des Lobes für Michael Paul und die Präsentation seines Buches »Haus der Bücher«

Zell a. H. (bia.) Der Lahrer Autor stellte am vergangenen Donnerstag seinen zweiten Roman »Haus der Bücher« in Form einer multimedialen Lesung vor.

Sollte der eine oder andere abendliche Zuhörer mit vom Tagewerk schwer gewordenen Augen in der Klosterhalle gesessen haben, so wurde er unversehens hellwach. Denn Michael Paul warf zwei Bücher auf den Bühnenboden, und das machte gehörig Krach.
Was ihm sofort die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer sicherte, gehörte zur Lesung des Einstiegskapitels des 444-Seiten-Werkes, das im damals ostpreußischen Königsberg des Jahres 1933 spielt.
Der Inhalt: Der Inhaber der größten Buchhandlung Europas wird von der geplanten Bücherverbrennung der Nationalsozialisten herausgefordert. Mit Helfern versucht er, möglichst viele der indizierten Bücher sowie einen geheimen literarischen Schatz zu retten. Doch schon bald sind die Buchhandlung, er selbst und seine Kollegen in größter Gefahr.

Zwischen weiteren Leseparts lud Nicole Bischler den Autor immer wieder ein, auf einem auf der Bühne aufgestellten roten Sofa Platz zu nehmen. Denn hier betätigte sich die lese- und bücherbegeisterte Physiotherapeutin, die den Lesungsabend organisiert hatte, als versierte Interviewerin.

So erfuhr man die persönlichen Hintergründe zu Pauls Schreiben und Selbstverlegerdasein ebenso wie zu der Art und Weise, wie der Roman entstanden ist und wie der Autor seine Charaktere entwickelt. »Ich entwickle komplette Lebensläufe für meine Figuren, denn ich muss sie kennen, mit ihnen leben«, erklärte der hauptberuflich als Unternehmensberater tätige Lahrer, »auch wenn vieles davon im Roman nicht vorkommt: Als Autor muss ich das alles wissen und da stecke ich viel Arbeit hinein.«

Diese Lebensläufe ergänzt er durch im Internet aufgespürte, ihm passend erscheinende Gesichter und klebt sie sich beispielsweise an den Kühlschrank. »Wenn ich aufstehe, dann rede ich mit denen«, erzählte Michael Paul von seinen eigentlichen Schreibphasen, für die er sich oft eine Ferienwohnung sucht, bevorzugt bei einem Freund in der Toskana.

Die Lese- und Interviewpassagen wechselten ab mit Passagen, in denen Michael Paul zum einen in Wort und Bild von seiner intensiven Recherchereise ins heutige Kaliningrad (dem ehemaligen Königsberg) berichtete.

Zum anderen stellte er das einstige »Haus der Bücher« vor – die eingangs erwähnte Buchhandlung. Einst galt sie als Perle Königsbergs, als eine der großen Sehenswürdigkeiten, erschaffen und geführt von Gräfe und Unzer, dem 1722 gegründeten und somit ältesten Verlag Deutschlands. Alte Postkarten, die der Autor bei einem Sammler am Bodensee gefunden hatte, vermittelten dem Publikum einen Eindruck vom einmaligen Innenleben der einstigen, sechs Stockwerke umfassenden Buchhandlung.

Zudem unterstrichen beeindruckende alte Videoaufnahmen vom tatsächlichen Bücherverbrennungsgeschehen die Wirkung eines entsprechenden Romankapitels. »Demokratie ist nichts selbstverständliches«, unterstrich der Autor die Aktualität des Themas, bezog sich dabei auf die Beschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit vor dem Hintergrund der Geschehnisse beispielsweise in der Türkei und in Ungarn.

»Wenn ich da bewirken kann, dass man die Augen aufmacht, dann bin ich nicht böse – im Gegenteil, das macht durchaus einen großen Teil meiner Motivation aus«, betonte er und sah sich von der Zustimmung seines Publikums bestärkt. Auch, was seine Lesungs-»Missionen« in Schulen angeht – die führt er in dem Bestreben durch,
Geschichte auf spannende Weise zu vermitteln, den Schülern erlebbar zu machen.

Der zweistündigen Präsentation schloss sich eine angeregte Diskussion an, an der sich auch Bruder Markus als Guardian des Zeller Kapuzi­nerklosters beteiligte. Michael Paul beendete den Abend mit dem Verlesen des Briefes eines Augenzeugen: Im August 1944 fiel das »Haus der Bücher« dem großflächigen Bombardement Königsbergs zum Opfer.

»So habe ich eine Lesung noch nie erlebt«, meldete sich zum Abschluss eine Stimme aus dem Publikum, »ich möchte Sie bestärken, das so weiterzuführen.« Lediglich ein Kritikpunkt wurde angemerkt: Der Umstand, dass zeitgleich eine andere Lesung im Zeller Storchenturm stattfand. Dieses Missgeschick bedauerte Michael Paul zutiefst, zumal er die dort lesende Kollegin kenne. Doch man habe von der Parallelveranstaltung zu spät erfahren, als dass eine Verlegung noch möglich gewesen sei.

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