Ich bin dann mal auf Fortbildung

Der Verein »FortSchritt Freiburg« unterstützt außergewöhnliche Kinder – »Nicht die Fehler korrigieren, sondern das Fehlende lernen« – Luca Stiewe besuchte das Sommer-Camp schon zum 11. Mal

»Ich bin dann mal auf Fortbildung«, so erklärt Luca aus Nordrach, was er in den ersten drei Wochen der Sommerferien macht. Er nimmt an einem dreiwöchigen Camp des Vereins »FortSchritt Freiburg« teil, der Kinder nach dem Motto hilft »auf eigenen Füßen zu stehen«. Der Gitarrenverein Nordrach unterstützt mit seinem Benefizkonzert am Sonntag diesen Verein.

Zusammen mit anderen Kindern, die aus allen Richtungen, von Stuttgart über Villingen-Schwennigen, vom Bodensee bis weit nach Waldshut-Tiengen hinaus kommen, hat Luca im Sommer 2018 schon zum 11. Mal an einem besonderen Trainingslager, »Petö« genannt, in der Hexental-Schule in Merzhausen, am Südrand von Freiburg, teilgenommen.

Die meisten Kinder sind von Geburt an in ihrer Bewegungsfähigkeit beeinträchtigt. Meistens ist der Grund dafür Sauerstoffmangel im Gehirn, der unterschiedliche Ursachen haben kann. Der Begriff in der ärztlichen Sprache heißt dafür »Infantile Cerebralparese« (cerebrale Bewegungsstörung). Das Wort ist so vielfältig und bei jedem Kind hat es andere Auswirkungen.

Bei der Cerebralschädigung handelt es sich nach Petö nicht um eine Krankheit, sondern um eine Lernstörung, die neben der Motorik auch die gesamte Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigt. Schwierigkeiten beim Hören und Sprechen können genau so vorkommen, wie spastische Lähmungen.

So ist es bemerkenswert, dass Luca im Gegensatz zu anderen Kindern, die nur sehr wenige Worte beherrschen, einen sehr guten Wortschatz besitzt und besonders gut sprechen kann.

Ganzheitliches Lernen

»Ich mache Petö«, so beginnt meistens das Kennenlernen einer Methode, die auf das ganzheitliche Lernen angelegt ist. »Petö« oder konduktive Förderung wurde Ende der 1940er-Jahre von dem ungarischen Neurologen Anderas Petö entwickelt, die aber erst Ende der achtziger Jahre nach Deutschland gelangte. Vom Grundsatz steht bei Petö das Lernen im Vordergrund. Diese Therapie richtet sich an Menschen mit Bewegungsstörungen, die durch Schädigung des zentralen Nervensystems verursacht worden sind.

Nicht die Fehler sollen korrigiert werden, sondern das Fehlende soll erlernt werden. Das behinderte Kind soll Bewegungsabläufe lernen, um dann mit seinen Fähigkeiten eine größtmögliche Selbständigkeit zu erreichen.

Therapeutin als Bezugsperson

In Deutschland ermöglicht der Verein FortSchritt e.V. in Freiburg die Teilnahme an Kursen, die von ungarischen Konduktorinnen geleitet werden. Diese werden in Ungarn in einem vierjährigen Fachhochschulstudium ausgebildet. Sie erwerben dabei Kompetenzen im Bereich Krankengymnastik, Logo- und Ergotherapie, außerdem das Diplom als ungarische Grundschullehrerin.

Die Kinder haben eine Therapeutin als Bezugsperson, die das Kind in seiner ganzen Persönlichkeit sieht. Somit muss sich das Kind nicht immer auf unterschiedliche Therapeuten einstellen.

Ein wesentliches Merkmal ist das Gruppenprinzip. Mehrere, dem Alter entsprechende Kinder, werden in einer Gruppe zusammengefasst. Kinder sind so in der Therapie nicht isoliert, und der gruppendynamische Effekt kann bei der Motivationsförderung zum Nachahmen und Nacheifern mit Gleichaltrigen genutzt werden.
Das Einüben von Bewegungsabläufen ist in einem strukturierten Tagesablauf eingebettet. Diese tägliche Routine bietet den Kindern Orientierung, Vertrautheit und damit emotional Sicherheit. Die einzelnen Übungen sind dabei spielerisch und praxisbezogen aufgebaut und werden durch rhythmisches singen und sprechen, begleitet.

»Tschüss bis zum nächsten Jahr«

Nur eins ist sicher: Diese »Fortbildungs – Erlebnise« bleiben im Gedächtnis. Am letzten Tag des Camps heißt es dann immer wieder »Tschüss bis zum nächsten Jahr!« Diese Therapie wird von den Krankenkassen nicht übernommen, deshalb versucht der Verein FortSchritt Freiburg e. V. durch Spendengelder die finanzielle Belastung der Familien aufzufangen. Infos: www.fortSchritt-freiburg.de

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