Auf »Tour de France« mit dem Segelflieger

Wind und Wetter bestimmen die Reiseroute – Wendelin Hug und Valentin Rosemann erlebten sechs tolle Flugtage – In einer Woche über 2000 Flugkilometer zurückgelegt

Sommerzeit ist Reisezeit. Für die meisten geht es mit Auto, Zug oder Flugzeug zu den ausgewählten Urlaubszielen. Wendelin Hug und Valentin Rosemann begaben sich mit ihrem Segelflugzeug auf einen spannenden Wandersegelflug Richtung Frankreich. Nach über 2000 Flugkilometern und sechs tollen Flugtagen kehrten sie mit vielen neuen Eindrücken von ihrer »Tour de France« zurück.

Wendelin Hug aus Biberach ist leidenschaftlicher Segelflieger und hat schon über 3000 Segelflugstunden und 700 Motorstunden absolviert. Bei einem Nonstop-Flug in Argentinien konnte er 2256 Kilometer zurücklegen und damit einen Weltrekord aufstellen. »Beim Segelfliegen wird das Ziel vom aktuellen Wetter bestimmt. Jeden Tag kann man etwas Neues erleben«, bringt Wendelin Hug den Reiz des Segelfliegens zum Ausdruck.

Sein Fliegerfreund Valentin Rosemann stammt aus Zell a. H. und lebt mit seiner Familie in Gernsbach. Der Bauingenieur unterrichtet an der Gewerbeschule in Bühl. Bei seinem Segelflughobby hat er es inzwischen bis zum Fluglehrer gebracht. Valentin Rosemann und Wendelin Hug sind Mitglieder der Fliegergruppe Lahr-Ettenheim.

Von ihrem gemeinsamen Wandersegelflug hat Wendelin Hug ein Tagebuch verfasst, das die vielen Eindrücke der Reise schildert. Wegen zweier Familienfeiern war das Zeitfenster für das Flugabenteuer von Montag bis Samstag eng begrenzt:

Tag 1: Start in Offenburg

Der Wettergott hat sich für Frankreich entschieden. Zu unserem Schrecken stellen wir fest, dass wir für die aktuelle Wettervorhersage nicht alle Luftfahrtkarten für die beflieg baren Gebiete besitzen. Die Lösung lautet: Start um 10 Uhr nach Mannheim zum Kauf der aktuellen Frankreichkarten. Um 15:15 Uhr sind wir mit unserem Doppelsitzer  ARCUS  M in der Luft und erreichen um 17:30 Uhr nach einem Flug über den Schwarzwald und die südlichen Vogesen Montbelliard. Was für ein toller Einstieg.

Tag 2: Flug entlang der Vogesen

Das Wetter soll im Norden besser werden, die Wolkenuntergrenze jedoch relativ niedrig bleiben. Wir starten um 11:37 Uhr und fliegen entlang der westlichen Vogesen über Geradmer, St. Die, nach Luneville und landen bei hilfsbereiten französischen Motorfliegern, die uns am Abend zu einem nahegelegenen Hotel fahren. Die Thermik an diesem Tag war sehr schwach. Zweimal kreisen wir tief über einem Landefeld.

Tag 3: Bergfest in Gray an der Saône

Das Wetter soll super werden! Nachdem die Wolken zunächst sehr tief hängen, beschließen wir die Zeit mit einem Fußmarsch zum Schloss des polnischen Königs in Luneville zu überbrücken. Da das Wolkenbild immer besser aussieht, muss die Kultur zurückstecken und wir starten um 14:27 Uhr. Die Basis ist bereits 2000 Meter hoch und es läuft super. Das Militär hat heute auch kein Geld für Treibstoff und somit sind die vielen Tieffluggebiete für uns nicht gesperrt. Wir lassen unserem ARCUS die Zügel locker und fliegen mit 170-190 km/h über endlose Agrarflächen. Zuerst nach südwest nach Langres, Chatillon, Tonnerre und danach nach südost bis Gray an der Saône. Abends feiern wir das Bergfest in einem schönen Hotel an der Saône.

Tag 4: Ziel sind die Weinberge des Burgund

Das Wetter soll heute schwächer werden, es ist sogenannte Blauthermik vorhergesagt. Ziel ist es, die Weinberge des Burgund Richtung Süden zu erreichen. Wenigstens Chalon sollte drin sein. Start um 13:16 Uhr bei toter Luft mit anschließendem ruhigem Abgleiten. Bei Is-sur-Tille stellt sich das erste leichte Steigen an den Hängen ein. Uff… könnte doch noch was werden. Wir schleichen an Dijon, Chalon sur Saône, vorbei und landen nach der tiefen Inspektion etlicher Landefelder in Marcon. Valentin hat einfach ein Händchen für tiefe und schwache Thermik. Vor Freude über seinen Erfolg spendiert er abends das Menü in dem typisch französischen Restaurant »Le Martine« mit tollem Burgunder aus der Gegend.

Tag 5: Einstieg in die Alpen

Samstag um 18:00 Uhr ist die Geburtstagsfeier in Steinach angesagt – so langsam müssen wir Gas geben. Ziel ist Südwest, an Lyon und Valence vorbei und dann die Querung des Rhonetals in die Seealpen. Vorbei an Crest in die Hochprovence Richtung Gap und Grenoble. Start um 10:51, es läuft super und wir können über endlose Rebenhänge unter der Kontrollzone von Lyon in 2000 Metern nach Süden jagen. Das macht Laune! Der Einstieg in die Alpen wird spannend und wir benötigen nach einem Besuch des Segelflugplatzes Aspres fast eine Stunde, um über die Vercors nach Osten in das Tal von Grenoble zu springen. Danach fliegen wir ohne Aufwindsuche tolle Walzenstraßen entlang über Grenoble bis Albertville an der Isere. Um 17:26 Uhr landen wir auf dem Flugplatz Grenoble, da uns der Wiederstart mit der längeren Startbahn sicherer erscheint als in Albertville.

Tag 6: Bei schwacher Thermik auf dem Rückflug

Die Geburtstagsfeier beginnt um 18:00 Uhr… das wird eng! Start um 11:30 Uhr bei schwacher und niedriger Thermik. Wir wollen über Albertville, Chamonix in das Rhonetal bei Martigny springen, um dann an Gruyeres vorbei das Mittelland westlich vom Neuchateller See zu queren. Die Alpenpassage ist spannend, aber wir erreichen um 15:00 Uhr den Schweizer Jura bei Yverdon-les-Bains. Wir wollen heute etwas Neues probieren und nicht die übliche Standardroute über Olten, Rheinfelden und den Schwarzwald nehmen. Die Thermik im Jura ist gut und wir haben bei Les Eplatures den letzetn guten Aufwind. Dann wir es wieder spannend, über Montbéliard bis Belfort finden wir keine brauchbare Thermik. Unter der Kontrollzone von Basel finden wir den ersten schwachen Aufwind, der uns den Einstieg in die Vogesen ermöglicht. Bei Colmar steht in der Ferne eine vielversprechende Wolke. Wir setzen alles auf eine Karte, fliegen die Wolke an und finden kein Steigen. Im Gleitflug geht es weiter an den Kaiserstuhl, wo wir auf schwaches Steigen treffen. Optimistisch fliegen wir durch – aber das Glück verlässt uns. Trotz intensiver Suche am Rande des Schwarzwaldes ist leider kein Steigen mehr zu finden. Um 17:45 Uhr starten wir über dem Sgelflugplatz Altdorf Wallburg in 150 Meter Höhe den Motor und »ratteln« nach Offenburg.

Sechs tolle Flugtage mit vielen neuen Eindrücken sind zu Ende. Für 2020 planen wir einen längeren Wandersegelflug und sind schon jetzt gespannt was uns das Wetter für Möglichkeiten bieten wird.

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