Wie kommt der Bollenhut ans Ohr?

Tradition in modern: Die Häkelkreationen von Nathalie Diebold

Nathalie Diebold ist eine leidenschaftliche Handarbeiterin. Seit einiger Zeit machen ihre Kreationen mit teils gehäkeltem Bollenhutmotiv die Runde – vor allem in Form von Gläsern oder Schmuck.

Der Blick aus dem Küchenfenster hinaus in die grüne Landschaft des Kinzigtals, hier in dem Dreifamilienhaus am Rande Biberachs, der ist traumhaft. »Wegen dem will ich nie hier wegziehen«, lacht Nathalie Diebold ein wenig schmerzlich, »ein Zimmer mehr wäre zwar supertoll, gerade durch mein Hobby, weil es ja immer mehr wird.« Aber der Blick hält sie, »und die tolle Nachbarschaft.«

Mal wieder also hat die gelernte Industriekauffrau daher den Küchentisch zum Werkeltisch umfunktioniert. Im Augenblick riecht es nach Klebstoff. Nach Textilkleber, genauer gesagt. Die 45-Jährige erklärt: »Ich habe die Deckel für die Gläser geklebt.« Blitzblank gespült stehen die neben dem Waschbecken. Kopfüber, des Eigengewichts wegen. Damit sich die ge­häkelten Überzüge für die Deckel jeweils gut mit dem Darunter verbinden.

Das Gehäkelte ist beige und soll die Farbe jenes weiß­gekalkten, breitkrempigen Strohhuts symbolisieren, den in seiner malerischen Endversion rote Bollen schmücken oder schwarze. Je nachdem, ob seine konfirmierte Trägerin unverheiratet oder verheiratet ist. So jedenfalls wird es in Gutach, Kirnbach und Hornberg-Reichenbach gehandhabt. Doch auch wenn in nur diesen drei kleinen Gemeinden der Ortenau als Trachtenbestandteil getragen, ist der Bollenhut mit seinen roten Wollrosen weltweit zum Symbol für den Schwarzwald geworden. Zum Ende des 19. Jahrhunderts hin entstand das Utensil – ob der damals herrschenden Armut, war in den drei besagten Dörfern die Hutmacherei zur Arbeitsbeschaffung eingeführt worden.

Warum Nathalie Diebold gleich einen ganzen Schwung von Gläsern »á la Bollenhut« herstellt? »Ich gehe wieder auf die Kreativmesse in Offenburg, die ist nicht nur für Professionelle, sondern auch für Hobbyleute. Deswegen bin ich hier am Tun«, erzählt sie und ergänzt, dass mit diesen Gläsern »das ganze Bollenhutding« für sie überhaupt erst angefangen habe.

Der Uropa stickte Gobelins

Dazu gekommen allerdings sei sie auf Umwegen. Weil ihre Mutter ein Handarbeitsheft gekauft hatte, im gemeinsamen Urlaub war das. Denn: »Meine Mutter und ich, wir müssen immer was tun, zum Leidwesen manchmal von meiner Tochter Lily«, schmunzelt die Biberacherin. »Egal, wo wir sind, wir haben immer Häkelzeug dabei. Auch im Urlaub, wenn wir oben auf einem Berg sitzen.«

Dass Diebolds Hände immer beschäftigt sein müssen, liegt an den Urgroßeltern, bei denen sie aufgewachsen ist und bei denen grundsätzlich Strickzeug auf der Couch lag. Ihr Opa – jawohl, der Opa, nicht die Oma – habe schon immer Socken gestrickt, zudem Gobelinbilder gestickt. »Da, wo wir im Urlaub immer hingefahren sind, gab es ein Fachgeschäft, in dem er die Garnfarben zusammengestellt hat«, erinnert sie sich.

Doch zurück zum von der Mutter gekauften Handarbeitsheft: In dem wurde erklärt, wie man per Häkelei schnöde Schraubdeckelgläser in Frösche verwandelt. »Frösche sind auch so eine Leidenschaft von mir«, lacht die Kreative und zeigt auf einen liebenswerten Häkelgesellen, der – eigentlich als Eier­wärmer gedacht – mit un­vergleichlichem Gesichtsausdruck, froschgrün sowie mit sonnengelber Königskrone zwischen zwei Blumentöpfen sitzt.

Erst Frosch, dann Bommeln

Die Froschgläser jedenfalls brachten Diebold auf die Idee, »du könntest ja auch mal rote Bollen draufhäkeln« – eine »wahnsinnige« Arbeit, wie sich herausstellen sollte. Auf dem örtlichen Hobby-Kunsthandwerkermarkt aber war die Resonanz so groß, dass sie sich zwecks Reduzierung des Arbeitsaufwands in der Herstellung kleiner Bommeln versuchte.

Im Originaldurchmesser gelingen diese problemlos, wie die Handarbeitsbegeisterte anhand einer schwarz umhäkelten und mit roten »Schwarzwaldbommeln« geschmückten Toilettenpapierrolle zeigt. »So klein aber, wie ich sie für die Gläserdeckel brauche, bekomme ich die nicht hin.« Also stöberte sie im Internet und wurde fündig.

Seither kauft sie die roten Puschel und klebt sie auf den umhäkelten Schraubverschluss. Oder sie kreiert daraus einen bollenhutgeschmückten Haarreif – der hatte bei der letzten Fasend für Furore gesorgt.

Aus der Not eine Tugend gemacht

Die winzigen Puscheln von gerade einmal einem Zen­timeter Durchmesser jedoch, die sie inzwischen für Schmuck verwendet, waren ursprünglich ein Fehlkauf. »Da habe ich mir gedacht: Was könntest du jetzt damit machen«, erzählt Nathalie Diebold und demonstriert das Ergebnis.

Sie häkelt einen kleinen Kreis als »strohfarbenen« Untergrund. Anschließend müssen die Fäden mit einiger Fingerfertigkeit so verwahrt werden, dass man sie nicht sieht. Mit einer kleinen Flachzange wird dann ein schwarzes Schmuckband durchgezogen und wie beim Knüpfen verknotet – eine Häkelnadel würde es zusammenziehen, seine Glätte zerstören. Wie so oft gilt auch bei scheinbar einfachsten Dingen das berühmte »Gewusst wie«.

Dann heißt es, die winzigen Puschelkügelchen kurz zwischen den Fingern zu rollen, »damit sie ein wenig schön werden«, um sie schließlich per Klebstoff und Pinzette auf dem Untergrund zu fixieren. »Normalerweise sind es insgesamt 14 Bollen, davon elf sichtbare. Aber die haben auf so einem kleinen Ding halt keinen Platz«, erklärt die Handarbeiterin und verklebt fünf rote Puschel plus einem als Krönung – und schon weiß jeder, was gemeint ist.

Beispielsweise Schmuckrohlinge verziert sie mit diesen kleinen »Bollenhüten«, wie Broschen, Halsbänder, Ketten- oder Ohranhänger. Doch unter anderem auch als Portemonnaie-Verschluss lassen sie sich verwenden.

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