Das jüngste und größte Werk der Oberharmersbacher Orgelbaufirma Claudius Winterhalter steht in der zur Basilika erhobenen ehemaligen Klosterkirche Wiblingen bei Ulm. Für die katholische Kirchengemeinde St. Martin geht nach mehr als 230 Jahren ein Traum in Erfüllung. Am Pfingstsonntag wurde die erste Haupt-Orgel eingeweiht und offiziell ihrer Bestimmung über geben.
Als das einzigartige Kirchengebäude inmitten der weitläufigen Klosteranlage 1783 in Dienst gestellt wurde, waren die auf 140 Meter Höhe geplanten Doppeltürme noch nicht vollendet. Heute ist das unvollendete äußere Bild dieses Architektur-Schmuckstücks am Beginn der oberschwäbischen Barockstraße ein markantes Erkennungsbild. Noch mehr beeindruckt der im leichten und eleganten frühklassizistischen Stil durchkomponierte Kirchenraum.
Die Wirren der Napoleonischen Kriege, Geldmangel und die Auflösung des Klosters wegen der folgenden Säkularisation verhinderten damals die Anschaffung einer angemessen großen Instruments. Schon 1784 wurde festgestellt, dass die große Orgel „ungemeine Summen kosten“ würde, das sich auch heuer bewahrheitete.
Die ursprünglich vom berühmten oberschwäbischen Orgelbauer Johann Nepomuk Holzhey erbaute Chor-Orgel war bis vor kurzem das einzige Instrument in St. Martin. Weil Chororgeln für den Chorbereich gedacht sind, reichte sie bei weitem nicht aus, um das riesige Raumvolumen der Kirche mit Klang zu füllen. Der Wunschtraum für ein angemessenes Instrument schien immer ein Traum zu bleiben.
Dekan Ulrich Kloos wollte sich vom ersten Tag seiner Amtsübernahme an nicht mit der offensichtlichen Lücke auf der hohen West-Empore abfinden und ergriff die Initiative. 2014 fasste der Kirchengemeinderat den Beschluss, das Orgelprojekt anzupacken und auszuloten. Gespräche mit verschiedenen Kirchengremien und Landesbehörden folgten, am Ende stand die Gründung eines Fördervereins.
Sechs deutsche und schweizerische Orgelbauwerkstätten wurden ausgewählt und angeschrieben. Umfangreiche Orgel-Besichtigungen schlossen sich an. Die an dieser Stelle schon mehrfach beschriebenen Arbeiten aus der Orgelwerkstatt Winterhalter konnten auch in diesem Wettbewerb überzeugen. So wurde im Frühjahr 2019 unter Beisein von Funk und Presse in der historischen Bibliothek der Vertrag unterzeichnet.
Es war vor allem der Entwurf mit der angestrebten architektonischen Bereicherung und Vollendung des Kirchenraums, mit der Winterhalter die Wiblinger Fachkomission überzeugte.
„Mir war sofort klar, dass eine neue Orgel diesem durch und durch einzigartigen Raum mit seiner eindrucksvollen Altaranlage in Höhe eines vierstöckigen Hauses etwas Kraftvolles und zugleich Zurückhaltendes entgegen setzen musste. Es brauchte hohe Doppeltürme und flächenhafte Großzügigkeit im Prospektbild. Gleichzeitig galt es, die vertikale Raumstruktur mit dem Orgelkorpus nicht zu stören, sondern durch leicht kippende und spreizende Elemente den Eindruck von bewegter Lebendigkeit zu vermitteln“ beschreibt der Oberharmersbacher Orgelbauer die Umsetzung seines Konzepts.
Aber eine Orgel ist nicht nur Architektur. Es wird jede Menge hochfunktionale Technik benötigt, von den traditionellen Trakturen für das perfekte Spielgefühl, bis zu mondernster Elektronik. Das alles muss ebenfalls sauber geplant und realisiert werden. „Wir haben an diesem Instrument in ca. 14.000 Arbeitsstunden mehr als 200.000 Einzelteile hergestellt und verbaut“, so Jörg Backeberg, Werkstattleiter bei Winterhalter.
Doch vornehmste Aufgabe eines Musikinstruments ist sein Klang, dem sich letztlich alles fügen muss. Mit drei Manualen und einer Pedalklaviatur werden 54 Register mit 3375 Pfeifen angespielt. Bis auf die großen sichtbaren Töne im Prospekt, befindet sich dieser wahrhaftige Pfeifenwald perfekt aufgestellt und zugeordnet im Innern des Gehäuses. Es gibt 102 aus Holz gefertigte Pfeifen, alle anderen bestehen aus einer besonders hochwertigen Zinn-Blei-Legierung. Die längste Pfeife ist sechs Meter lang, der klingende Teil der höchsten Töne misst nur wenige Millimeter. Die vier Monate dauernde „Inklangsetzung“ all dieser Pfeifen ist eine höchst anspruchsvolle, künstlerisch-musikalische Meisterleistung. Vollbracht hat sie Intonateur Kilian Gottwald, dessen in Wiblingen geschaffener Orgelklang schon jetzt von der Fachwelt als geniale Mischung aus erhabener Würde, feiner Farbigkeit und majestätischer Pracht bezeichnet wird.
Verschiedene Vorbereitungen waren zu erledigen, um die Orgel an ihren jetzigen Platz zu bringen. Zuvorderst stand die statische Ertüchtigung der Empore an der Westseite der Basilika, schließlich summierte sich die Last des Instruments mit Pfeifen, den mechanischen Trakturen, dem hölzernen Tragwerk und den Windanlagen auf gut 12 Tonnen. Da ein Gerüstbau mit Flaschenzugeinrichtung aus technischer Sicht nicht in Frage kam, wurde ein mobiler Kran in die Basilika manövriert, um die Teile der Orgel auf die Empore zu hieven. Im August 2020 begannen die Arbeiten vor Ort, Mitte November war der Orgelprospekt einschließlich der vertikalen LED-Lichtelemente fertiggestellt. Dann vollendete der Haslacher Künstler Frieder Haser die Farbgestaltung des Gehäuses. Er verwendete eine frei angelegte, dreifarbige Spachteltechnik aus den Tönen des Kirchenraumes und der diversen Gewölbe. Weiß, Lichtgrau und Goldocker betonen nun die Eigenständigkeit des Instruments als markanter Baukörper, der sich gleichermaßen unterordnet harmonisch einfügt. Als schmückendes Bindeglied zum Raum mit seinen vielen goldenen Kapitellen erhielt die Orgel eine festliche Bekrönung aus Glas mit einer lichtchangierenden Goldeinschmelzung. Diese 32 Elemente stammen aus der Glasmanufaktur Teufel in Altenheim.
Nach zwei arbeitsreichen Jahren bringt die Winterhalter Orgel nun die wunderbare Akustik der Wiblinger Basilika in allen Facetten zum Erklingen. Nicht nur die musikalische, auch die finanzielle Seite hat ihren Anspruch. Der größere Teil der Gesamtsumme von rund 1,3 Millionen Euro ist bereits durch Spenden und Zuschüsse bestritten. Die Auftraggeber und der Förderverein werden noch einige Zeit gefordert sein, um die Kosten für das Projekt zu bestreiten, aber der Kirchenraum ist nunmehr klanglich und optisch vollendet und die weltberühmte Oberschwäbische Orgellandschaft um ein prägnantes Instrument reicher.





