Gut angekommen an der Annenkirche in Eisenach

Prädikant Gottfried Zurbrügg berichtet von seinen Erfahrungen und Erlebnissen in Thüringen

Für vier Wochen übernimmt Prädikant Gottfried Zurbrügg die Vertretung für das Pfarramt an der Annenkirche in Eisenach. Er berichtet für unsere Leser von seinen Erfahrungen und Erlebnissen in Thüringen:

»Der Traum ist wahr geworden!« Für vier Wochen übernehme ich die Vertretung für das Pfarramt an der Annenkirche in Eisenach. Früh morgens sind wir losgefahren und nun nach vier Stunden biegen wir ab nach Eisenach. Bis her hat die Sonne uns begleitet, aber wir sahen schon von weitem eine graue Nebelwand über dem Werratal. Und dann war es wirklich so! Plötzlich verschwand die Sonne im dichten Nebel und es wurde sehr kalt. Auf den Bergen lag noch Schnee. Wir fuhren nach Eisenach in den Talkesel und es blieb kalt und neblig. Schade! Wir hatten uns so auf den Frühling in Eisenach gefreut und nun schien es so, als führen wir zurück in den Winter.

Unser Quartier war in der Ev. Methodistischen Gemeinde Eisenach in der Goethestraße. In dem Stadtviertel stehen überall die hochherrschaftlichen Villen aus der Gründerzeit. Eisenach galt als schicke Wohngegend und viele Fabrikanten hatten hier ihre Zweitvilla. In einer solchen Villa sind wir untergebracht. Die große Villa ist das Gemeindehaus der ev. Methodistischen Kirche. Ganz oben unter dem Dach ist eine Ferienwohnung ausgebaut. Für vier Wochen werden wir dort wohnen.

Im Garten blühen die Schneeglöckchen, auf dem Bürgersteig ist noch Eis, aber der Empfang an der Haustür ist herzlich.

Mitten im Haus ist ein großes Treppenhaus. Ein Fahrstuhl hätte bequem Platz, aber den gibt es leider nicht. So hilft der Herr Pfarrer Stolze beim Koffertragen.

Noch ist alles fremd, auch wenn wir vor Jahren zur Vorbereitung schon einmal in Eisenach waren. Einkaufzentren sind in der Nähe und wir erledigen den Einkauf. Natürlich mit Maske und Abstand. In Thüringen gelten die gleichen Hygieneregeln. Wie schade, dass keine Gaststätten aufhaben. So ist die Stadt wie ausgestorben. Theater, Kino, Gaststätten – alles geschlossen.

Aller Anfang ist schwer

Heute Morgen haben wir um 9.00 ein Treff mit der Pfarrerin Biesecke vor der Georgskirche.

Die Stadt ist ganz anders geworden. Überall sind Menschen unterwegs in der Altstadt und der Fußgängerzone. Immerhin haben die Blumenläden auf und stellen die ganze Pracht auf den Gehweg, damit auch endlich wieder gekauft werden kann. Der Frühling ist eingezogen und der Nebel hat sich auch verzogen. Frühlingssonne wärmt schon ein bisschen. Die Bäckereien haben zum Glück auch auf. Wir besorgen uns ein Frühstück und dann geht es zur St. Georgskirche. Der Drachentöter ist das Wahrzeichen von Eisenach!

Natürlich ist die Pfarrerin mit dem Kirchenältesten Herrn Schmähling schon da. Nach der Begrüßung geht es den Pfarrberg hoch zur Superindententur. Dort ist auch mein Büro. Die Gebäude liegen am Berg und sind verschachtelt gebaut. Die vielen Treppen! Aber Eisenach liegt nun einmal in einem Talkessel und deshalb geht es überall die Berge hoch. Es ist so viel Neues kennenzulernen, Leute zu begrüßen und Empfangsbescheinigungen zu unterschreiben. Am Schluss habe ich ein beachtliches Schlüsselbund als Wahrzeichen meiner neuen Würde.

Herr Schmähling bietet an, uns mit dem Auto Eisenach zu zeigen. So gut zu Fuß bin ich leider doch nicht mehr. Es geht kreuz und quer, hoch und runter durch die Stadt. Dann zum Burschenschaftsdenkmal hoch. Eisenach war im 9. Jahrhundert eine bekannte Studentenstadt. Man traf sich oben auf den Höhen und diskutierte freiheitliche Ideen, träumte von einem endlich geeinten Vaterland, weg von der Kleinstaaterei und auch von einem vereinten Europa ohne Grenzen. Wie auf dem Hambacher Schloss war auch der Eisenacher Schlossberg ein internationaler Treffpunkt.

Dann ging es zur Annenkirche, die neu renoviert ist. Leider sind die Altenheime, die dazu gehören für Besucher geschlossen, auch Krankenhaus lässt nur Angehörige zu Besuch kommen. Ganz wesentliche Aufgaben werde ich nicht wahrnehmen können. Aber am Sonntag wird Gottesdienst sein. Natürlich mit Abstand und wenigen Besuchern. Singen dürfen wir auch nicht, aber die Gemeinde hat viele Ideen, wie trotzdem Gottesdienst gefeiert werden kann. In Eisenach gibt es ein Frühlingsfest, das wie Karneval gefeiert wird. Es heißt »Sommergewinn«. Sonne, Eier und Brezel spielen dabei eine große Rolle. Es gibt Motivwagen und viel Musik. Eigentlich, aber wir werden schon Möglichkeiten finden, trotzdem zu feiern. Ich bin sehr gespannt.

Am Nachmittag wandern wir hoch zur Wartburg. Der Wald ist offen, die Sonne scheint, der Frühling ist da. Es ist herrlich.

3. März 2021: Große Aufregung im Kirchenamt

Heute Nacht habe ich von dem Gottesdienst geträumt. Eine unbekannte Kirche, eine ganz neue Coronasituation, eine unbekannte Liturgie, eine unbekannte Gemeinde… das ist ziemlich viel. Ich bin um 6.30 Uhr aufgestanden und habe in der Nachbarwohnung mit Stoppuhr geübt. Wir brauchen gut 20 Minuten für den Gottesdienst. Da ist genügend Zeit für die Kirchenmusik und wir sind nach 30 bis 40 min fertig.

Nach dem Frühstück bin ich in die Stadt gelaufen, um in mein Büro zu gehen. Ein Büro ist im Ruhestand etwas ganz Besonderes! Die großen Gebäude habe ich schnell gefunden, aber wo ist der richtige Eingang? Es gab mehrere Möglichkeiten und ich ließ den Schlüssel entscheiden. Gleich die erste Tür schien richtig zu sein. Die Gebäude sind alt und haben sehr viele Treppen. Ich kam an Lagerräumen vorbei, am Kirchenamt, an der Superintendentur, an einer Toilette, am Kopierraum und stieg von Stockwerk zu Stockwerk. Dann war Schluss am Dach und ich immer noch nicht in meinem Büro. Ich kehrte um, schloss Türen auf und kam ins Nachbarhaus. Wieder stieg ich Treppen hoch, öffnete Türen, war im Büro vom Regionalbischof, aber dann endlich an meinem Büro. Wie erleichtert war ich, als ich die Tür aufschloss. Der Computer reagierte auf mein Passwort und ich dachte, jetzt an die Arbeit gehen zu können. Da ging die Alarmglocke. Ich ging auf en Flur und hörte, wie der Superintendent aufgeregt telefonierte: »Einbruch bei uns im Kirchenamt. Alle Türen sind auf. Wir wissen noch nicht, was gestohlen wurde. Der Täter hatte wohl einen Schlüssel!« Ich wurde knallrot. Was hatte ich da angerichtet? Hörte man schon das Blaulicht?

Ziemlich betreten stieg ich die Treppenstufen hinunter, klopfte beim Supi an und gestand der Sekretärin, dass ich auf der Suche nach dem Büro alle Türen aufgeschlossen hatte. Sie lachte laut und der Superintendent auch! Die Polizei wurde rasch informiert und ich bekam den Auftrag bitte alle nicht gebrauchten Türen abzuschließen.

Ziemlich bedrückt fing ich oben bei meinem Büro an, schloss ab und dann alle Türen zu, die ich finden konnte und wo mein Schlüssel passte. Auch beim Superintendenten machte ich einfach zu, auch beim Kirchenamt und beim Regionalbischof. Dann stand ich wieder draußen. Aber ich hatte für heute genug und keine Lust noch einmal die Stufen zum Büro hochzusteigen.

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