Weimar, Stadt mit zwei Gesichtern

Kultur und Erinnerung an den Terror liegen eng beisammen

Gottfried Zurbrügg ist pensionierter Lehrer, Buchautor – und Prädikant. Bei seinen Einsätzen in anderen Kirchengemeinden lernt Gottfried Zurbrügg viele Menschen und besondere Orte kennen. Seine Erlebnisse teilt er gerne mit den Lesern der »Schwarzwälder Post«. Er schreibt …

Am 5. November bin ich zu meinem Dienstort Bad Bibra bei Weimar gefahren. Ich freute mich sehr darauf, so nahe bei der Stadt der Deutschen Klassik zu sein. Schiller und Goethe begrüßten mich schon am Eingang von Thüringen. Die zwei Freunde sind das Symbol für das Land Thüringen geworden. In Weimar hatte Goethe gewohnt, sein Landhaus, sein Gartenhaus, sein Staatstheater. Wunderbare Gedenkstätten der großen Zeit der »Dichter und Denker«.

Aber der November ist ein nachdenklicher Monat mit vielen Gedenktagen. Dazu gehören auch das Ende des ers­ten Weltkriegs am 10. November und auch die Erinnerung an die Reichskristallnacht am 13. November.

Auch das ist deutsche Geschichte, die nicht vergessen werden darf, damit sich so etwas nie wiederholt. Auf einem Schild las ich »Gedenkstätte Buchenwald«. Da ich noch Zeit hatte, ließ ich Weimar links liegen und fuhr nach Buchenwald zu der Erinnerungsstätte an das große KZ, in dem Menschen aus aller Welt unter entsetzlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten, in Rüstungsbetrieben schufteten oder im Steinbruch zu Tode kamen. Von Weimar aus kann man das große Mahnmal auf den Höhen sehen, das an das KZ erinnert. Dürrenmatt formulierte den Spruch »Dichter und Denker« um in »Richter und Henker«.

Beides gibt es, das wunderbare Weimar und die erschreckende Gedenkstätte Buchenwald. Unglaublich, aber beide Seiten haben nebeneinander existiert und profitiert.
In Buchenwald gab es zwei Seiten, die eine gut gestaltet, schöne Häuser, Kultur und Amüsements und durch einen Zaun getrennt, eine Welt, in der es nur noch ums Überleben ging.
Dazwischen ein Tor, auf dem steht: »Jedem das Seine«. Der lateinische Spruch »suum cuique« sollte mahnen, mit dem, was man hat zufrieden zu sein und nicht nach dem Nachbarn zu schielen. »Begehre nicht, was dir nicht zusteht«, gedacht als Mahnung oder Gebot für einen Rechtsstaat.

Dieser Spruch wurde grausam umgemünzt. Im Tor ist die schmiedeeiserne Inschrift zu lesen. Als ob das nicht genug wäre, ist die Schrift so angebracht, dass die Häftlinge beim Verlassen des Lagers angesichts des Überflusses die Worte lesen mussten. Das war grausam und höhnisch gemeint.

Die Häftlinge hatten nichts, die Bewacher alles. Furchtbar, so einen Gegensatz erleben zu müssen.

Viele Tausend Menschen sind im Lager umgekommen und in Massengräbern verscharrt worden. Begonnen hat alles mit Ausgrenzung und dann immer mehr mit tolerierter Gewalt andersdenkenden oder aussehenden Menschen.

Es ist an uns, zu verhindern, dass wieder Menschen ihrer Rechte beraubt und ausgegrenzt werden.

Weimar? Sehr nachdenklich fuhr ich weiter zu meinem Dienstort Bad Bibra.

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