Noch immer feinste Detailarbeit

Auch mit 95 Jahren übt Martha Riebl die Kunst der Porzellanmalerei aus

Mehrmals verlor die im nordböhmischen Teplitz-Schönau Geborene ihr Zuhause. In Deutschland fand sie eine feste Heimat, in der Porzellanmalerei ihre Berufung. Zwei bis drei Mal in der Woche nimmt Martha Riebl noch heute den Pinsel in die Hand.

Auch wenn ihr Onkel, ein Bruder von Martha Riebls Mutter, Bilder malte und das Talent damit sozusagen in der Blutsverwandtschaft lag – die Leidenschaft fürs Porzellanmalen entdeckte die in der ehemaligen Tschechoslowakei zur Welt gekommene Deutsche durch ihren Schwiegervater. Der lebte in der Nähe Hamburgs, in Elmshorn, »das war eine richtige Einsiedlerwohnung, kann man sagen«, lacht sie, »überall stand Porzellan, Porzellan, Porzellan.«

Entsprechende Erbstücke hält sie andächtig in Ehren. Und auch die Bilder des in den 70er Jahren hoch betagt Verstorbenen zieren ihre liebevoll eingerichtete Wohnung mit Landschafts- und Naturmotiven. »Er hat uns so viel gemalt, wir haben gar nicht alles untergebracht«, erzählt die heute selbst 95-Jährige, »er war unglaublich, und unerschöpflich.«

Die Porzellanmalerei widmete sich der von ihr hoch Geschätzte auch beruflich, in Manufakturen. »Ich hab’ ihn immer bewundert und gedacht, mein Gott, wenn ich doch so was könnte.« Irgendwann konnte sie es, nachdem sie – gemeinsam mit ihrem Mann – 1951 in Gengenbach eine feste Bleibe und einen Arbeitsplatz als Sekretärin in der Chefetage eines aufstrebenden pharmazeutischen Unternehmen gefunden hatte.

Sie beherrschte die Kunst sogar so gut – »gezeichnet habe ich schon in der Schule recht ordentlich« – dass sie ihr heutiges Hobby dereinst im Nebenberuf ausübte, auch unzählige Ausstellungen bestückte. Einige Wochen lang bildete sie sich eigens in einer Manufaktur weiter, ein handgefertigtes Porzellanschild »Porzellanmalerei Riebl« hing an der Wohnungstür.

Und Kurse gab sie, an der Volkshochschule ebenso wie zu Hause, bis vor wenigen Jahren noch. Ein Foto in ihrem Arbeitszimmer zeigt eine zehnköpfige Frauengruppe, »die hatte ich lange Zeit«, erzählt die Seniorin mit den hellwachen Augen. Eine Teilnehmerin reiste gar stets aus Straßburg an. Und die jüngste aus jener Gruppe, von der einige nicht mehr auf Erden weilen, kommt noch heute zu Martha Riebl. »Aber nicht mehr als Schülerin, sondern um sich mal einen Rat zu holen. Und weil sie alleine bei sich zu Hause keine Lust zum Porzellanmalen hat und keine Idee.«

Aufglasurmalerei mit Feh-Haar

Martha Riebl selbst sitzt noch immer regelmäßig an ihrem lichtüberfluteten Arbeitstisch, zwei bis drei Mal pro Woche. Aus einem an ein Glas gelehnten Rahmen schaut ihr Schwiegervater dann lächelnd dabei zu, wie sie mit noch immer denkbar ruhiger Hand und lediglich einer Arbeitsbrille als Hilfsmittel den Pinsel schwingt. Wobei »schwingen« im übertragenen Sinne zu verstehen ist. Denn de facto arbeitet die vitale Künstlerin mit kleinen, präzisen Bewegungen, um ihre vielfach filigranen Motive auf weiß glasiertem Porzellan aufzubringen – Aufglasurmalerei nennt sich diese Methode.
Gearbeitet wird mit Pinseln, die sie zunächst selbst montiert und die aus dem Haar des Feh bestehen, dem Fell des russischen Eichhörnchens. Seidenweich fühlt sich dieses an, wohingegen das teilweise ebenfalls verwendete Marderhaar fester ist. Oder aber Martha Riebl zeichnet mit einer feinen Feder. Flüssige, metallisch schimmernde Lüsterfarben kommen zum Einsatz, oder Pulverfarben – ganze Schachteln sind mit den kleinen Töpfchen gefüllt. Gebrannt wird im Keller, bei 850 Grad Celsius, in einem großen 60-Liter-Ofen. »Früher habe ich manchmal so viel gemalt, dass der ganze Ofen voll war«, erzählt die Seniorin. Komplette Services entstanden auf diese Weise.

Lebensgeschichte würde ein Buch füllen

Eine Auswahl weiterer Werkstücke findet sich in einer beleuchteten Vitrine in ihrem Arbeitszimmer – da­runter Teller, Schalen, Dosen, Schüsseln, aber auch Broschen oder Ohrschmuck aus hauchzartem Porzellan. Martha Riebl greift nach einer großen Vase, auf der sich eine Herde Elefanten tummelt, und dreht sie um. »Auf den Fuß habe ich etwas draufgeschrieben«, sagt die seit 2011 Verwitwete und liest vor: »für meinen lieben Mann Ernst Riebl.«

Mit 15 Jahren hatte sie ihn kennengelernt. Kurz zuvor war sie mit der Mutter aus Luxemburg zurückgekehrt, wohin die Eltern mit der damals Zweijährigen ausgewandert waren, um der Armut in Nordböhmen zu entfliehen. Als die Jugendliche mit der Mutter wieder in der ehemaligen Heimat lebte, war ihr diese jedoch fremd geworden. Gemeinsam mit ihrem späteren Mann arbeitete sie in einem dentalpharmazeutischen Labor, mit 18 Jahren heiratete sie.
Aufgrund der Kriegswirren wurden sie mehrfach voneinander getrennt. Er überstand zwei Schussverletzungen und Kriegsgefangenschaft in Sibirien, sie selbst Vertreibung und schlimme Lagerjahre. In Deutschland dann bauten sich beide mit viel Fleiß und Disziplin ein neues, gemeinsames Leben auf, nach Stationen in Hamburg und im Freiburger Hinterland, zogen vor 23 Jahren schließlich nach Zell. Erst 2011 verlor Martha Riebl ihren Gatten – 100 Jahre alt war er geworden, sein Foto hat einen Ehrenplatz in der Vitrine.

»Hier habe ich mein eigenes Reich«, lässt die Porzellanmalerin den Blick durchs Arbeitszimmer schweifen, dessen Wände gebrannte Farbmusterteller, ein Gemälde ihres Schwiegervaters und mit Fachbüchern und weiteren Bildern und Fotos gefüllte Regale zieren. Hier ist ihr Rückzugsort, wenn sie ihre Zeit nicht vor dem Fernseher vertun will, »nur deshalb kann ich hier so gut alleine leben«, sagt sie.