Spannende Story über Frauen und Agenten

Krimi-Autorin Brigitte Glaser las aus dem Roman »Bühlerhöhe«

Am Ende des Abends gab es viel Applaus für die Kölner Autorin, die im voll besetzten Foyer des Zeller Storchenturmmuseums aus ihrem neuen Kriminalroman vorgelesen hatte, dessen Schauplatz das ehemals legendäre Luxushotel im Schwarzwald ist. Interessierte Zuhörer versorgten sich sogleich mit einem Exemplar von »Bühlerhöhe« und ließen es sich von Brigitte Glaser persönlich signieren. Die Schriftstellerin freute sich über die große Resonanz, die sie mit ihrem Werk beim Zeller Publikum fand.

»Bühlerhöhe« ist ein klassischer Agenten-Krimi, der nicht auf Action setzt, sondern mit einer sorgsam recherchierten und spannend aufgebauten Handlung überzeugt und mit Schwarzwald-Kolorit und  illustren Gästen im gediegenen Nobelhotel-Ambiente die passende Atmosphäre schafft. Dies kennzeichnete auch den Vortrag der Autorin, die mit variablem Stimmeinsatz, sonorem Timbre und – wo nötig – mit gezieltem Staccato die Handlung und ihre Protagonisten aufleben ließ.
Als gebürtige Offenburgerin kennt Brigitte Glaser den Schwarzwald und die noch vor einigen Jahrzehnten florierenden Nobelhotels »Bühlerhöhe« und »Hundseck« bei Baden-Baden noch aus eigener Anschauung. Die Tatsache, dass der erste Bundeskanzler, Konrad Adenauer, in den 1950er Jahren dort Urlaub machte, inspirierte sie zu der Geschichte, die sie mit politischen und gesellschaftlichen Ereignissen der frühen BRD in Beziehung setzt: Zum Einen die drei Briefbombenanschläge auf den betagten Kanzler, die zwar fehlschlugen, deren Urheber aber nie enttarnt wurden. Zum Anderen das so genannte Bundesentschädigungsgesetz, mit dem die damalige Bundesregierung gegenüber dem Staat Israel »Wiedergutmachung« für die NS-Verbrechen an den europäischen Juden leisten wollte. Das Gesetz, das Zahlungen in Milliardenhöhe vorsah, war sowohl in der BRD als auch in Israel umstritten. Dort wollten radikale Zionisten kein Geld von Deutschen annehmen, während die Regierung unter David Ben Gurion zum Aufbau des Landes auf jedwede Unterstützung angewiesen war. Wäre Adenauer ums Leben gekommen, wäre das Gesetz womöglich geplatzt. Tatsächlich wurde es 1952 verabschiedet.

Begegnungen im Hotel

In diesem Jahr setzt auch die Romanhandlung ein:
Der israelische Geheimdienst Mossad will ein Attentat der radikalen Zionisten auf den im Hotel logierenden Bundeskanzler mit Hilfe eines eingeschleusten Agenten verhindern. Brigitte Glaser las aus dem Kapitel, in dem erzählt wird, wie die Wahl auf die junge, attraktive Israelin Rosa Goldberg fällt. Obwohl diese keinerlei Erfahrung im Agentenmilieu hat, wird sie vom Mossad  beauftragt, da sie vor ihrer Emigration in Deutschland gelebt und mit den Eltern die Ferien oft im Schwarzwald verbracht hat.  In Baden-Baden soll Rosa den Agenten Ari treffen und mit ihm – getarnt als Ehepaar – im Hotel »Bühlerhöhe« absteigen. Ari taucht jedoch nicht auf und Rosa sieht sich gezwungen, allein zu handeln.

Im Hotel trifft sie auf die Hausdame Sophie Reisacher, die am Kriegsende 1945 aus dem Elsaß fliehen musste und bestrebt ist, in der Bundesrepublik gesellschaftlich aufzusteigen. Sie hat ein gutes Gespür für Menschen und erkennt instinktiv, dass mit der angeblichen »Professorengattin« Goldberg etwas nicht stimmt. Beide Frauen misstrauen einander fortan. Das sorgt für Spannung, die Brigitte Glaser durch wechselnde Erzählperspektiven verstärkt und auch beim Vortrag geschickt aufrecht erhält, ja genüsslich auskostet.

Nach einer Pause, in der sich das Publikum auf Kosten der Stadt Zell a.H. mit einem Achtel Wein oder einem Mineralwasser erfrischen konnte, verlegte die Autorin den Schauplatz des Geschehens von der »Bühlerhöhe« ins benachbarte Hotel »Hundseck«, damals die einzige Nobelherberge mit einem Schwimmbad. Der Kanzler ist inzwischen mit Tochter Lisbeth angereist, bleibt allerdings Randfigur. Vielmehr macht Brigitte Glaser die Zuhörer mit einer dritten Frauenfigur bekannt – Agnes Rheinstedt, die als Rezeptionistin im »Hundseck« arbeitet und noch eine wichtige Rolle spielen wird. Genaueres verriet die Vorleserin am Abend im Storchenturmmuseum nicht, sorgte aber für beste Unterhaltung, da sie die Protagonistin in Schwarzwälder Mundart sprechen ließ. Wahrlich versierte Vortragskunst!

Die Last der Vergangenheit

Zweifellos »lebt« die Schriftstellerin mit ihren Romanfiguren, denn sie sprach von ihrer Intention, jenen Frauen gerecht zu werden, die zwar in der Trümmerzeit nach dem Zweiten Weltkrieg »ihren Mann standen«, in der Adenauer-Ära aber wieder in die alte Rolle des Hausmütterchens gedrängt wurden, zuständig allenfalls für »Kinder, Küche, Kirche«. Eine Aussage, die der Autorin an diesem Abend nicht nur von den Frauen im Publikum zustimmenden Beifall einbrachte.
Dessen ungeachtet treiben im Roman auch männliche Protagonisten die Handlung auf vielfältige Weise voran. Trefflich charakterisiert

Brigitte Glaser den für die

persönliche Sicherheit Adenauers zuständigen Beamten Hermann von Droste, der im Hotel zwangsläufig auf Rosa Goldberg trifft: Droste ist ein Polizist, der im Dritten Reich Karriere gemacht, gegen Kriegsende aber rechtzeitig die Fronten gewechselt und sich den Amerikanern angedient hatte. Im beginnenden Ost-West-Konflikt setzte die Politik in der jungen BRD auch auf das »Know-how« solcher Leute mit brauner Vergangenheit. Auch das ein Thema, das die deutsche Gesellschaft bis in unsere Tage beschäftigt, wie Brigitte Glaser zu verstehen gab. Auch dieser Aspekt dürfte beim reichen Beifall der Zuhörer nach der Lesung eine Rolle gespielt haben. – Maria Hättich von »Zellkultur« überreichte der Autorin zum Abschied einen Blumenstrauß und dankte den Zeller Museumsfreunden für die Bewirtung.