Im Spannungsfeld zwischen Landwirtschaft und Naturschutz

Lupus ante portas: Wofür brauchen wir heute noch den Wolf?

Schluchsee-Wolf stößt kontroverse Debatte an – »Probleme sind hausgemacht« – Forderungen an die Politik nach Änderung des Schutzstatus werden immer lauter

Ein großer Fehler oder eine einzigartige Erfolgsgeschichte? Der Wolf erobert sich seine alte Heimat zurück. Mehr als 40 Wolfsrudel leben mittlerweile in Deutschland. Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Niedersachsen sind die Wolfsländer. In Baden-Württemberg ist er noch nicht heimisch. Der Fund des toten »Schluchsee-Wolfes« hat jedoch eine Debatte angestoßen, wie wohl am besten mit dem Phänomen umzugehen ist.

Ländliche Idylle mit herrlichen Ausblicken – um die Lebensqualität in Prinzbach wissen nicht nur die Feriengäste, die zahlreich den Biberacher Ortsteil aufsuchen. Auch die Einheimischen lieben ihren Ort, der sich gemütlich entlang des namensgebenden Prinzbachs die Hügel hinaus schlängelt. Einer dieser Bewohner ist Erich Berger. Sein Hof liegt am Rande des Kirchbergs, ist seit dem Jahr 1900 in Familienbesitz. Über 100 Hektar waren es einmal. Heute sind es
noch 170.000 Quadratmeter Grund, die in Nebenerwerb bewirtschaftet werden.

Mutterkuhhaltung, ein paar Schweine, Wald – ein Betrieb wie so viele. Nicht groß, aber wichtig. Landwirte wie er halten die Wiesen selbst in den Steillagen kurz und sorgen damit dafür, dass die Landschaft offengehalten wird. »Ohne uns wäre der Schwarzwald bald noch schwärzer«, ist sich Erich Berger (65) sicher.

Landwirtschaft und Naturschutz – ein Interessenskonflikt?

Seit 1. Juli ist er im Ruhestand. Er hat den Hof an seinen Sohn weitergegeben und engagiert sich weiterhin ehrenamtlich für die Belange der Landwirte. Er ist zweiter Vorsitzender des Ortsvereins des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV) und hat sich wie viele andere auch mächtig über einen Artikel in der Verbandszeitung geärgert. Darin ging es um ein Thema, das momentan bundesweit – nicht nur in landwirtschaftlichen Kreisen – kontrovers diskutiert wird: die Wiederansiedlung des Wolfes. Im Artikel verurteilte der BLHV, genau wie die anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe »Luchs und Wolf«, die illegale Tötung des Wolfes, der Anfang Juli aus dem Schluchsee geborgen wurde. Erich Berger fühlt sich vom Verband in Sachen Isegrimm als Landwirt nicht gut vertreten. »Wir haben mehr als 150 Jahre gut ohne ihn gelebt. Für was brauchen wir den Wolf hier?«, fragt Berger. Die Wiederansiedelung von Wolf wie Luchs gehe zu Lasten der Landwirte und verschärfe die Lage, die sowieso schon angespannt sei. »Im Moment haben die Landwirte schon genug Probleme mit dem Schwarzwild – und das hat mit dem Wildbret zumindest noch einen indirekten Nutzen. Wenn jetzt der Wolf noch kommt, bieten wir ihm mit unseren Weidetieren einen gedeckten Tisch,« fasst Berger die Situation zusammen. »Wir Landwirte bieten den Rindern auf unseren Weiden hier ein Fünf-Sterne-Hotel. Das muss geschützt werden.« Eine Stallhaltung hält er für unrealistisch, ebenso den Bau von Wolfszäunen, insbesondere in den Steillagen, oder den Einsatz von Herdenschutzhunden.

Damit liegt er gar nicht so weit weg von der offiziellen Positionierung zu Luchs und Wolf, die der BLHV am 16. September 2016 verabschiedet hat. Darin spricht sich der badische Bauernverband ebenfalls dagegen aus, dass Luchs und Wolf wieder in Baden heimisch werden. Die Gefahren fürs Vieh sind dem Verband durchaus bewusst, ebenso die nachgelagerten Probleme. Präsident Räpple sagte: »Würde Baden-Württemberg ein Lebensraum für Wölfe, wäre dieses das Aus für die Weidehaltung.« Der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband forderte deshalb bereits wiederholt von Politik und Gesellschaft, von einer unangebrachten Willkommenskultur für Wölfe Abstand und die Sorgen der betroffenen Landwirte ernst zu nehmen sowie bei wiederholten Angriffen von Wölfen auf Nutztierherden unbürokratisch für eine umgehende Entnahme dieser Wölfe aus der Natur zu sorgen. Der BLHV steht in stetigem Kontakt mit dem Landwirtschaftsministerium unter Peter Hauk (CDU). Und seine Anliegen werden offenbar gehört. Der Minister, der im Mai 2016 nach der Sichtung eines Wolfs im Bereich der Baar noch gesagt hatte »Wir begrüßen den Wolf«, hat mittlerweile seine Meinung geändert. Bei der BLHV-Landesversammlung im März dieses Jahres räumte er ein, dass Wolf und Weidehaltung im Schwarzwald nicht zusammengehen und sprach sich für ein Wolfsmanagement aus, das es auch erlaubt, problematische Individuen zu erlegen.

»Probleme sind hausgemacht«

Der Prinzbacher Erich Berger blickt indes von seiner Terrasse auf das Rotwildgehege mit den mächtigen Hirschen am gegenüberliegenden Hang und wünscht sich, dass der BLHV mehr dagegenhält, wenn Naturschutz und Landwirtschaft in Interessenskonflikte geraten. Und dass die Politik endlich einsieht, dass etliche Probleme, mit denen die Bauern heute zu kämpfen haben, hausgemacht oder eingeführt sind. Der Wolf ist in Baden noch nicht heimisch, sieht man von vereinzelten Sichtungen an der französischen Grenze ab. Aber die Kirschessigfliege ist es und der Maiswurzelbohrer, der Japanknöterich, das Spring- und Jakobskreuzkraut. Letzteres gilt insbesondere bei Haltern von Pferden und Rindern als echte Problempflanze, weil Vergiftungen bei diesen Tieren aufgrund seiner leberschädigenden Inhaltsstoffe nicht selten tödlich enden. Erich Berger wünscht sich, dass aus der Vergangenheit die richtigen Schlüsse gezogen werden und »Kollege Wolf« schon im Vorfeld ein Einreiseverbot ausgesprochen bekommt. Er möchte, dass Landwirte, Kommunalpolitiker, Regionalverband und Behörden zu einem gemeinsamen Dialog finden.

Noch mehr Bürokratie durch Isegrimm?

Von Entschädigungszahlungen für gerissene Tiere hält er, nicht nur des Leids wegen, das das Raubtier auf den Weiden anrichten könnte, wenig. Das und etliche Finanzmittel staatlicherseits könne man sich sparen, und die dafür nötige Bürokratie gleich mit. Er meint, die Landwirte seien gar nicht selbstständig, so viele Zuschüsse wie bezahlt würden. Statt für viele verschiedene Töpfe plädiert er für eine stabile Steillagenförderung. Das sei einfacher und würde durch die geringere Bürokratie auch die Betriebe entlasten. Zum Schluss des Gesprächs gehen wir noch einmal hinter das Haus auf die Weide. Erich Berger ruft Rosi, Lisa, Paula, Henry, den dicken Bullen und all die anderen, die gerade im Schatten der Obstbäume Mittagspause halten. Die  Limousin-Vorderwälder Rotbunt-Kreuzungen kommen sofort neugierig angetrabt und schauen, was der Landwirt vorhat. Ganz klar – ein Abschlussfoto muss noch sein.

 

Hintergrund: Seit wann gibt es wieder Wölfe in Deutschland?

Quelle: Bundesamt für Naturschutz

In Sachsen hatte sich ein aus Polen zugewandertes Wolfspaar angesiedelt und im Jahr 2000 – erstmals nach der Ausrottung der Art in Deutschland vor 150 Jahren – wieder Welpen großgezogen.

Wie viele Wölfe gibt es aktuell in Deutschland?

Im Monitoringjahr 2015/2016 wurde in Deutschland das Vorkommen von ins­gesamt 46 Wolfsrudeln, 15 Wolfspaaren und vier sesshaften Einzelwölfen bestätigt. Das Verbreitungsgebiet umfasst die Bundesländer Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Niedersachsen. Diese Tiere gehören zur so genannten Zentraleuropäischen Flachlandpopulation, zu der auch die Bestände in West-Polen gehören. Darüber hinaus wurden einige nicht-residente Individuen auch in anderen Bundesländern nachgewiesen; die meisten in Süd­deutschland nachgewiesenen Tiere sind aus der Alpenpopulation zugewandert. Die meisten Wölfe leben in Sachsen und Brandenburg.

Todesursachen

Von den in Deutschland seit dem Jahr 2000 tot aufgefundenen Wölfen (147 Individuen) waren 14 Tiere nachweislich an natürlichen Ursachen verstorben. 19 Exemplare wurden illegal getötet, 103 sind durch den Straßenverkehr ums Leben gekommen.

Warum die Diskussion um den »Schluchsee-Wolf«?

Der Wolf ist eine nach europäischem und nationalem Recht streng geschützte Art. Er ist in der europäischen FFH-Richtlinie gelistet und stellt eine prioritäre Art dar, für deren Erhaltung allen Staaten der Europäischen Gemeinschaft eine besondere Verantwortung zukommt. National ist der Wolf nach dem Bundesnaturschutzgesetz (§ 7 Abs. 2 Nr. 14) eine streng geschützte Art und genießt damit den höchst möglichen Schutzstatus. In der Roten Liste der gefährdeten Tiere Deutschlands (2009) wird der Wolf als eine vom Aussterben bedrohte Art eingestuft. Er darf nicht bejagt werden.

Was ist mit den Nutztieren?

Hauptkonfliktquelle im Zusammenleben von Wölfen und Menschen sind in vielen Ländern Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere, denn Wölfe unterscheiden bei der Jagd nicht zwischen wilden und domestizierten Huftieren. In Gebieten, in denen insbesondere Schaf- und Ziegenherden ohne den Schutz von Elektrozäunen und Herdenschutzhunden gehalten oder nachts nicht in den Stall gebracht werden, besteht ein erhöhtes Konfliktpotenzial. Im Vergleich zu Schafen und Ziegen sind Rinder und Pferde recht wehrhaft, vor allem wenn sie in Herden gehalten werden. Belegte Risse von Rindern oder Pferden durch Wölfe sind selten.

Wer ist zuständig für den Wolf?

In Deutschland liegt die Umsetzung von Natur- und Artenschutz in der Zuständigkeit der Bundesländer. Deshalb sind auch die Fach- und Vollzugsbehörden der Länder für den Schutz des Wolfes zuständig. In der Regel übernehmen die Umweltministerien diese Aufgabe.

Die Vorkommenskarte zum Wolf in Deutschland basiert auf
Daten, die als Nachweis (z. B. Foto, genetische Probe) oder bestätigter Hinweis (z .B. dokumentierter Spurfund) klassifiziert worden sind. Hinweise, die nicht überprüfbar sind (Sichtbeobachtungen, Lautäußerungen) oder nicht ausreichend dokumentiert sind,
fließen nicht in die Kartendarstellung ein.