»Jägerstüble« ist Vergangenheit

Das Haus wurde verkauft und wird künftig als Wohnhaus genutzt

Rund anderthalb Dutzend Hinweisschilder rund um das Holdersbachtal führten in den vergangenen Jahrzehnten den Gast ins »Jägerstüble«. Nur noch wenige Tage werden diese Wegweiser Gültigkeit haben, dann befindet sich der Gast auf dem sprichwörtlichen Holzweg: Am Sonntag, 11. Februar 2018, verabschieden sich die Wirtsleute Sonja und Martin Wurth von ihren Gästen. Das Haus wird nach dem Verkauf als Wohnhaus genutzt.

»Es ist kein Fasentscherz«, bestätigt Sonja das endgültige Aus für die so beliebte Gaststätte. 1996 hatte sie mit ihrem Mann das »Jägerstüble« nach einer mehrjährigen Ruhephase aus seinem Dorn­röschenschlaf geweckt. Mit viel Engagement, das sich
äußerlich an etlichen Umbau- und Sanierungsarbeiten zeigte, bot das Ehepaar Wurth – er in der Küche, sie im Service – den bisherigen Gästen die vertraute heimelige Atmosphäre mit ansprechendem Gastraum, einer abwechslungsreichen Speisekarte und behaglichen Zimmern. Das »Jägerstüble«, 1967 erstmals eröffnet, bereicherte seither wieder das gastronomische Angebot im Luftkurort Oberharmersbach.  Die gut geführte Küche und die herzliche Gastfreundschaft lockte auch neue Gäste an. Weithin bekannt wurde das »Jäger­stüble« durch den stets aktuellen »Jägiblog«, der nicht nur das junge »internetaffine« Publikum ansprach und stets für Gesprächsstoff sorgte.

Über diese Kommunikationsschiene verbreitete sich die Nachricht vom Ende des »Jägerstüble« rasend schnell. Über 5000 Leser im Netz zeigten sich von der Schließung überrascht und betroffen. Ähnlich dürfte auch die örtliche Kundschaft reagiert haben. »Wir waren an einem Punkt, an dem wir eine Entscheidung treffen mussten«, beschreibt Sonja die letzten Wochen. Dabei weiß sie eine ganze Reihe von Gründen anzuführen. »Mitentscheidend war, dass wir keinen Nachfolger haben, der unsere Arbeit weiterführen will«, stellt sie nüchtern fest. Also hätte diese Entscheidung früher oder später sowieso fallen müssen. Nicht minder problematisch stuft Sonja das Personalproblem ein. Kaum jemand wolle noch arbeiten, wenn andere frei haben oder feiern. »An Silvester stand ich von morgens sieben Uhr bis am Neujahrsmorgen um zwei Uhr in der Gaststätte« rechnet sie vor. Das habe ihr vor Jahren  nichts ausgemacht. Aber seit sie altersmäßig über das »halbe Hundert« raus sei, werde es immer schwieriger.

Zudem mache das veränderte Kundenverhalten dem »Jägerstüble« zu schaffen. Der Stammtisch sei zusammen geschmolzen und viele Jubiläen würden nicht mehr im Gasthaus gefeiert. »Für unseren kleinen Betrieb wurde es auch immer schwieriger, alles vorzuhalten, von vegetarisch über vegan oder glutenfrei, und dazu noch möglichst billig«, klagt sie. Das gehe auf Dauer nicht mehr.
Ständig werde über »sterbende Dörfer« geredet und dass der ländliche Raum immer mehr ausblute. »Jeder Politiker, der darüber redet, soll sich mal die Auflagen anschauen, mit denen kleinere Betriebe kaputt reguliert würden«, empört sie sich über ständig neu aufgelegte Regularien, während große Betriebe, trotz der Lebensmittelskandale, sogar noch von der Politik hofiert würden. Der ländliche Raum werde trotz vollmundiger Worte weiter ausbluten.

So kam bei der Familie Wurth ein Grund zum anderen. In der Summe reifte der Entschluss, jetzt einen Schlussstrich zu ziehen und nicht erst in einer vielleicht wirtschaftlich noch schwierigeren Situation, wenn weitere Gasthäuser zum Verkauf anstünden.

Mit der Schließung des »Jägerstübles« geht das Oberharmersbacher Gastronomiesterben weiter, das vor mehr als einem Jahrzehnt eingesetzt hatte. Den Anfang hatte die »Bergstube« (1994) gemacht, 2004 gingen in der »Forelle« die Lichter aus, es folgten die »Versperstube« (2011) und das »Cafè König« (2013). 2014 wurden die Gasthäuser »Adler« und »Sonne«« endgültig abgemeldet.