Am 23. Dezember 1917 abends um fünf Uhr brannte zum ersten Mal helles elektrisches Licht in der Pfarrkirche:

Strom im Krieg

Vor hundert Jahren ging den Oberharmersbachern ein Licht auf: Am 23. Dezember 1917 abends um fünf Uhr brannte zum ersten Mal helles elektrisches Licht in der Pfarrkirche. Der damalige Pfarrer Johann Busse notierte dieses Ereignis in seinem Tagebuch.

Wasserkraft war vor 1900 die einzige natürliche Energiequelle, die menschliche und tierische Arbeitskraft ergänzte oder ersetzte, und das auch nur lokal sehr begrenzt. Entsprechend groß war die Begehrlichkeit nach Wasser entlang des Harmersbachs und seiner Nebenbäche. Und es gab oft genug Streitigkeiten, wer wann wie viel Wasser für welchen Zweck ausleiten bzw. nutzen durfte.

Die Flößer mussten ihren Spannweiher füllen, um talabwärts fahren zu können. Sie waren aber gleichzeitig durch die Wehre beeinträchtigt, die die Säger und Müller brauchten, um Wasser auf ihre Räder zu leiten. Ferner benötigten die Bauern das Wasser zum Wässern ihrer Wiesen. Die Fischer meldeten natürlich auch ihre Ansprüche an.

Um 1900 waren noch rund 60 Wasserräder in Betrieb. Getreide mahlen, Holz sägen, Schmiedehämmer heben – das waren die gängigen Anwendungsbereiche. Der eine oder andere findige Landwirt hatte an seinem Wasserrad zusätzlich einen Generator angeschlossen und verfügte damit schon recht früh über eigenen Strom.

Die Fertigstellung der Harmersbachtalbahn im Jahre 1904 schien bei der Ortsverwaltung ein allmähliches Umdenken bei der Einführung technischer Neuerungen angestoßen zu haben. Waren Bürgermeister und Gemeinderat noch Jahre zuvor der Auffassung, die Gemeinde selbst benötige kein Telefon, da die Telegrafenstelle in der Nähe sei, zeigten sie sich bei der Errichtung der Stromversorgung wesentlich fortschrittlicher.

Bereits 1910 hatte die Gemeinde mit der Firma Bauer&Schöneberger Kontakt aufgenommen, die in Schnellingen eine Überlandzentrale errichtet hatte.
Etwa 100 Einwohner zeigten Interesse, für den Ausbau mit Transformatoren, Straßenlampen und Hausanschlüssen wurde ein Kostenaufwand von 35.350 Mark ermittelt.

Wie oft auch heute noch war der Kostenaufwand von der Verwaltung erheblich zu niedrig angesetzt. Ein Jahr später sah man sich für die anstehende Investition mit mehr als dem doppelten Betrag konfrontiert. Damals konnte die Gemeinde noch aus dem Vollen schöpfen: Die Gemeinde setzte einen außerordentlichen Holzhieb von rund 6000 Festmeter im Gemeindewald an und stellte gewissermaßen aus dem Stand den Betrag von rund 80.000 Mark als »Anschub­finanzierung« zur Verfügung.

Als die Vorbereitungen abgeschlossen waren und der Bau begann, brach der Erste Weltkrieg aus. Zuerst führte der Mangel an Fachkräften zu erheblichen Verzögerungen. Dann war nur unter größten Schwierigkeiten das erforderliche Material zu beschaffen. Die Leitungen des nicht allzu großen Ortsnetzes bestanden überwiegend aus Eisendrähten. Manche Leitungen wurden kurz nach der Fertigstellung wieder demontiert, bevor überhaupt Strom geflossen war. Die Rüstungsindustrie diktierte in allen Bereichen die Verwendung der Rohstoffe.

Die Arbeiten kamen trotz allem voran, wenn auch nur schleppend. Und irgendwie schaffte es die Gemeinde schließlich, im November 1917 die erforderlichen Transformatoren zu erhalten, obwohl die Bevölkerung im nunmehr vierten Kriegsjahr wahrlich ganz andere Sorgen hatte. Doch auch hier zeigte sich die Gemeinde optimistisch und glaubte nach dem Krieg die finanziellen Aufwendungen wieder hereinzuholen. Sie zeichnete mit unerschütterlichem Patriotismus eine Kriegsanleihe nach der anderen, die letzte übrigens im April 1918.

Pfarrer Johann Busse betrachtete es als verfrühtes Weihnachtsgeschenk, als in der Pfarrkirche die erste, von einem öffentlichen Netz gespeiste Glühbirne leuchtete. Die Freude war jedoch schnell dahin. Nicht minder groß war sein Unmut, als zwei Tage später Eisgang die Turbine in Haslach ruiniert hatte.

Auch in den Nachkriegsjahren war keine kontinuierliche Versorgung gewährleistet. Kohlemangel führte zu Rationierungen. Nur für wenige Stunden am Tag wurde Strom geliefert. Die wirtschaftlichen Probleme während der Inflationszeit und der keineswegs wirtschaftlich unbeschwerten Zeit danach führten zu einem nur zögerlichen Ausbau des Netzes. Kostenbeteiligung der Anschlusswilligen war ebenso selbstverständlich wie das eigenständige Stellen der Masten.

Die Gemeinde Oberharmersbach bestellte Anton Schneider zum Beleuchtungsmeister. Dessen Sohn Josef übernahm 1942 dieses Amt. Deren Handlungen bestanden vor allem darin, in Krisen- und Kriegsjahren zu sparen: »Bei Mondschein oder hellem Wetter wo kein Licht notwendig ist, sind die Leitungen nicht einzuschalten.« Und nur bei Hochzeiten sollten die Lampen, die abends spätestens um 23 Uhr abgeschaltet und morgens eine halbe Stunde vor Abfahrt des ersten Zuges wieder eingeschaltet wurden, länger brennen.

Erst in den späten 1940-er Jahren wuchs das Leitungsnetz. Die Versorgung wurde sicherer und so wurden nach und nach auch die entlegenen Hofgüter in den weitläufigen Seitentälern ans Netz angeschlossen. Die Gemeinde übergab die Stromversorgung an die Badenwerk AG.