Streuobst-Wanderung mit Aha-Effekten

Oberharmersbacher Apfel-Most-Wochen warteten mit viel Wissenswertem auf

Miriam Pfundstein führt das kleine Wandertrüppchen mit dem großen Interesse entlang der Streuobstwiesen am Oberharmersbacher Billersberg, der Blick talauswärts ist märchenhaft. Es duftet nach Herbst, im Blattwerk der Bäume leuchten Birnen und vor allem: Äpfel und nochmals Äpfel.

Derer sage und schreibe 20.000 Sorten gibt es auf der Welt. »Von den Griechen und Römern war die Frucht einst nach Mitteleuropa gebracht worden«, erzählt die Obstbauberaterin vom Offenburger Amt für Landwirtschaft, »über Jahrhunderte hinweg hat man die besten Sorten ausgelesen.« Doch obwohl es in Deutschland heutzutage ungefähr 2500 verschiedene Apfelsorten gibt, beschränkt sich die Zahl der im Handel gängigen auf dürftige zehn. Weil der Erzeuger gern wenig oder idealerweise gar nicht gegen Schädlinge und Krankheiten spritzen, regelmäßige Erträge und eine einigermaßen gute und gleichmäßige Fruchtgröße haben will. Der Apfel muss zudem unempfindlich gegen Druckstellen und gut lagerbar sein, natürlich gut schmecken und für wenig Cent produzierbar sein.

Und der deutsche Verbraucher? Der will eine Frucht, die knackig und saftig ist, Im Unterschied beispielsweise zum Chinesen. »Der mag gern einen wässrigen Apfel, am besten mit glasigen Stellen, der muss nach nix schmecken«, so die gelernte Obst- und studierte Gartenbauerin. »Wir sind eine fruchtbare Gegend, wir könnten 30 Sorten anbieten, die gut schmecken«, versichert sie. Und moniert, dass das jedoch der Lebensmittelhandel nicht wolle. Dem sei gar eine einzige Sorte über das ganze Jahr hinweg am liebsten, »schon alleine, um nicht für jede Sorte einen Barcode einscannen zu müssen.«

Einen Segen für den Erhalt der Vielfalt der Apfelsorten bedeuten daher die Streuobstwiesen, in der Ortenau nehmen sie derzeit eine Fläche von insgesamt 10.000 Hektar ein. Deren Wesen zeichnet sich aus durch unterschiedliche Obstsorten, verschiedene Baumalter und einen größeren Pflanzabstand als in einer Plantage, einer Intensivanlage also. Doch nicht nur der Vielfalt der Apfelsorten kommt eine Streuobstwiese zugute, sondern auch der Vielfalt der Tierarten. »Das geht von den Kleinstlebewesen bis hin zu den großen und betrifft auch das Vogelleben«, weiß Miriam Pfundstein. Gleiches gilt für den Unterbewuchs. Denn im Unterschied zu intensiv genutzten Wiesen mit ihren Kurzgräsern – vor allem Löwenzahn und Kleearten – wird eine Streuobstwiese nur zweimal im Jahr gemäht, und das recht spät. Daher können sich hier auch andere Gräser etablieren.

Was dem Naturschutz entgegenkommt, sei für die Bewirtschaftung aber eher kontraproduktiv, so die Obstbauberaterin. Denn Gras bedeutet für einen Baum Konkurrenz in punkto Wasser- und Nährstoffversorgung. »Aber für jemanden, der so nebenher und mit wenig Arbeitsaufwand ein bisschen Most machen oder Apfelsaft gewinnen will, ist das natürlich die Ideallösung.« Ganz ohne Arbeit jedoch geht es nicht. Das verdeutlicht Pfundstein an einem drei Jahre alten Baum, der reichlich mitgenommen aussieht. Zwar trägt er viele Früchte, doch die sind so klein und teils verschrumpelt, dass es selbst für Pfundstein schwierig ist, die Sorte zu erkennen. »Hier könnte man stundenlang erzählen, was da alles nicht ganz richtig gelaufen ist«, erklärt die gebürtige Oberharmersbacherin, die selbst Streuobstwiesen bewirtschaftet, »einfach nur einen Baum zu pflanzen, das reicht nicht.«

Mindestpflege ein Muss

Eine gewisse Mindestpflege ist zwingend erforderlich. Zu der hätte bei dem gebeutelten Dreijährigen ein Pflanzschnitt gehört, bei dem nur drei bis vier ausgewählte Leitäste stehen bleiben, sowie nachfolgende Erziehungsschnitte. Denn sobald beispielsweise ein Ast unter die Waagrechte geht, sind die Früchte klein und es gibt keinen Triebzuwachs mehr. Auch hat die Apfellaus das Bäumlein befallen und den allemal bereits kümmerlichen Triebzuwachs verkrümmen lassen. »Eigentlich kann man über die Apfellaus im Streuobstbau hinwegsehen«, so Miriam Pfundstein, »aber bei den Jungbäumen ist sie gefährlich, wenn man sie nicht bekämpft, dann verkrüppelt der Baum.«
Für einen guten Ertrag und damit »der Baum zügig davon wächst« empfiehlt sie außerdem, die Baumscheibe in einem Durchmesser von einem Meter frei von Gras zu halten, zumindest in den ersten fünf Jahren nach der Pflanzung. Zudem ist eine Düngung im März/April sinnvoll – nicht früher und nicht später. Doch weder das eine noch das andere hat man dem einsam in der Wiese stehenden Kümmerling zugute kommen lassen. »Der wird nicht mehr, den kann man umhacken«, ist sich die Fachfrau sicher.
Mit einem Zollstock in der Hand verdeutlicht sie dann, dass man beim Anlegen einer Streuobstwiese die Wahl hat zwischen Hoch- und Halbstämmen. Bei ersteren liegt der Abstand zwischen dem Boden und dem untersten Ast über 1,60 Meter, was die Untergrundpflege vereinfacht. Bei einem Halbstamm mit seinen niedrigeren Ästen hingegen kann man beim regelmäßig erforderlichen Schnitt sowie bei der Ernte »deutlich besser arbeiten«.

Faules Obst: Weg vom Stamm!

Auch Themen wie Pflanzenschutz, Sorten- und Reifebestimmung erläutert Pfundstein am lebenden Objekt. Wobei die Frage nach dem Reifegrad derzeit eine hoch aktuelle ist, denn die Erntezeit erstreckt sich je nach Sorte von Juli bis in den November hinein. »Reif ist ein Apfel eigentlich, wenn ich reinbeiße und er schmeckt einigermaßen, d.h. er muss einigermaßen Zucker haben«, erläutert die Apfelkennerin. Auch braune Kerne sind ein Zeichen der Reife. Ein weiteres Kennzeichen: Wenn man die Frucht sehr leicht vom Baum abdrehen kann. »Hormonell gesteuert bildet sich während der Reife eine Trennschicht an der Sollbruchstelle. Fällt der Apfel von alleine runter, dann ist er also reif. »Dann kann man ihn aufsammeln für Apfelsaft oder Apfelwein«, so Pfundstein, denn für diese Verwendungszwecke »ist es nur wichtig, dass der Apfel Öchsle hat, also Zucker.«
Zum Lagern hingegen sind die Früchte zu diesem Zeitpunkt bereits zu reif, »dann werden sie ganz schnell weich, mürbe und mehlig.« Der optimale Erntezeitpunkt lässt sich mit der Bestimmung des Festigkeitsgrades sowie des Öchslegehalts ermitteln.

Eindringlich warnt Miriam Pfundstein davor, faules Obst zu sammeln und um den Stamm zu legen: »So hab’ auch ich das noch von meinem Opa gelernt. Aber der Pilz, der Früchte faulen lässt, ist derselbe Pilz, der den Stamm befällt und ihn krebskrank werden lässt.«
Und vor noch etwas warnt die Fachfrau vom Landratsamt: Wer als Nicht-Eigentümer eines Baumes auch nur ein einziges Stück mitgehen lässt, egal ob vom Baum gepflückt oder als Fallobst vom Boden aufgelesen, »der begeht Diebstahl.«

Als Abschluss der Oberharmersbacher Mostwochen wurde am Sonntag, 16. Okto­ber, im Rahmen der Gallenkilwi eine Apfelsorten-Ausstellung geboten.

 

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