Abstrakte Worte in »3-D«

Legastheniker sind meist nonverbale Bilderdenker

Kinder mit Legasthenie werden  nicht selten noch immer als dumm und faul abgestempelt. Dabei ist meist das Gegenteil der Fall – das Gehirn der häufig überdurchschnittlich Begabten ist lediglich anders strukturiert als bei Nicht-Legasthenikern.

Albert Einstein und Leonardo da Vinci, beispielsweise, dürften ebenso Legastheniker gewesen sein wie Thomas Alva Edison. Und auch beim Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe geht man davon aus.
Letzterer diktierte die meisten seiner Schriften einem Honorarschreiber, so auch diesen Auszug aus einem Brief: »… schreibe ich oft den Schlussbuchstaben des folgenden Wortes, ehe das erste noch zu Ende ist, und mitten in einem Komma fange ich mit den folgenden Perioden an; ein Wort schreibe ich mit dreierlei Orthografien und was die Unarten alles sein mögen, …, nicht zu gedenken, dass äußere Störungen mich gleich verwirren, …«

»Legasthenie ist etwas anderes als eine Lese-Rechtschreibschwäche«, betont die Biberacher Künstlerin und Kunsttherapeutin Anette Isabo und nimmt den Buchstaben »p« zur Hand. Den hat ein Kind aus Ton geknetet. Die 46-Jährige dreht den Buchstaben. Je nachdem, in welche Richtung sie das tut, wird aus dem »p« ein »b«, »q« oder »d«. Dass das Gehirn eines Legasthenikers die Buchstaben genauso dreht, erklärt sie, »das sorgt für Verwirrung, für Desorientierung – den Kindern wird teilweise ganz schwindelig, die Buchstaben fangen beim Lesen an, sich zu bewegen.«

Doch damit längst nicht genug, denn ein Legastheniker denkt meist in Bildern, nicht in Worten. Für ihn sind Buchstaben und Worte daher etwas völlig Abstraktes und entsprechend Beliebiges. »Alles, was abstrakt ist, ist für ihn schwer zu verarbeiten«, erklärt Anette Isabo, »wenn ein Legastheniker-Kind ein Wort 100 Mal geschrieben hat, ist das auch zum 101sten Mal wieder weg.«

Wie mit einem Traum, von dem man genau weiß, dass man ihn geträumt hat, der aber nicht mehr fassbar ist, sei das: Man hat nur noch ein Gefühl von dem, was man geträumt hat, kann sich aber nicht mehr an den Inhalt erinnern. »So ungefähr geht es einem Legastheniker: Man weiß, dass man das Wort gerade erst geschrieben hat, aber man weiß beim besten Willen nicht mehr wie.«

Geschätzten vier Millionen Deutschen geht das so. Und viele von ihnen haben eine regelrechte Panik davor entwickelt, etwas falsch zu schreiben, für die Fehler wieder bloßgestellt, als dumme Versager abgestempelt zu werden. Was sich in körperlichen Symptomen wie Schwitzen und Zittern bemerkbar machen kann. »So ein Kind verkrampft sich, sobald es lesen oder schreiben soll«, weiß die dreifache Mutter, »es wird dann starr, kriegt Engegefühle im Hals, Bauchschmerzen.«

Tiefe Verletzung

Jeder einzelne der vielen roten Striche, die ein Lehrer ihm ins Diktatheft macht, bedeute für so ein Kind: »Ich bin falsch, ich bin falsch, ich bin falsch«, macht sie klar und weiß: »Da kann man üben wie man will, viele Legastheniker kennen sogar die Rechtschreiberegeln auswendig, ohne dass ihnen das was hilft.«

Eine normale Lese-Rechtschreibschwäche lässt sich laut Anette Isabo mit einer entsprechenden Förderung wie Nachhilfe korrigieren respektive beheben. Für Legastheniker hingegen ist das Lesen und Schreiben eine Qual, die sie bis hin zu einer ausgeprägten Behinderung empfinden und die Nicht-Betroffene nicht verstehen können. Ein Frust ohnegleichen: Etwas trotz allen Mühens nicht zu können, was anderen leicht fällt. Ein Viertel der Legastheniker-Kinder versucht, sich mit Stehlen und Hauen Anerkennung und Respekt zu verschaffen. Etwa 40 Prozent hingegen ziehen sich zurück und werden depressiv. Allerdings haben manche Kinder weniger Probleme mit dem Schreiben, dafür mit dem Lesen, oder umgekehrt, »das ist sehr variabel«, so Anette Isabo.

Was aber bedeutet es genau, ein Bilderdenker, also ein dreidimensionaler Denker zu sein? Dazu sei erklärt: Das Gehirn braucht eine gewisse Zeit, um einen Gegenstand oder Sonstiges wahrzunehmen. Bewusst geschieht selbiges erst, wenn ein Reiz eine 25stel Sekunde oder länger anhält. Huscht ein Gegenstand oder ein Gedanke in weniger als einer 36stel Sekunde vorbei, können wir ihn nicht einmal mehr unbewusst wahrnehmen.

Die nonverbalen Bilderdenker, wie Legastheniker es meist sind, denken etwa 32 Bilder in einer Sekunde, sprich in der rasenden Geschwindigkeit von einer 32stel Sekunde. Bilder und Gedanken tauchen also im Gehirn auf, bleiben aber größtenteils unbewusst, sprich intuitiv. Mit der Folge beispielsweise, dass ein Legastheniker das Ergebnis einer Aufgabe weiß ohne jedoch zu wissen, wie er darauf gekommen ist. Oder er hat beim Aufsatzschreiben die Geschichte komplett im Kopf, bevor er überhaupt das erste Wort zu schreiben angefangen hat. Und kommt mit dem Schreiben unter Umständen nicht schnell genug hinterher, ehe diese in kürzester Zeit im Kopf entstandene Geschichte aus demselben schon wieder verschwunden ist.

Bilderdenken und Krea­tivität gezielt nutzen

Das intuitive Bilderdenken nutzen entsprechend ausgebildete Kunsttherapeuten, um einem Legastheniker-Kind zu helfen. »Ein Grundschulkind lasse ich das gesamte Alphabet aus Ton formen, damit es die einzelnen, bislang ja nur zweidimensionalen Buchstaben überhaupt erst einmal kennen lernt«, erklärt Anette Isabo einen kleinen Ausschnitt des umfangreichen Therapieprogramms. Denn durch das Tonen kann jeder einzelne Buchstabe erlebt, gefühlt und mit dem ganzen Körper aufgenommen, aus der Abstraktheit also herausgeholt und dreidimensional werden.

Um zum Beispiel die Schreibweise des – für Legastheniker völlig abstrakten – Wortes ›Haus‹ zu verinnerlichen, wird auch dieser Gegenstand geknetet. »Dann sage ich den Kindern, dass sie sich das Haus vorstellen und gedanklich das Wort dazu aufs Dach schreiben sollen«, erklärt die Therapeutin: »So hat das Kind ein Bild im Kopf, auf das es immer zurückgreifen kann.«

Noch komplizierter sind für »Bilderdenker« die unzähligen Worte, die auch für einen Nicht-Legastheniker abstrakt sind. Worte wie »der, dass, ein« beispielsweise, sprich Artikel, Pronomen und so weiter, Worte mit rein grammatikalischer Funktion also. Aber auch Verben wie »dürfen, sollen, meinen«, um nur wenige Beispiele zu nennen. Für diese Fälle formen die Kinder aus Ton komplexe Situation, die für sie – rein persönlich – die Bedeutung des jeweiligen Wortes verbildlichen und dadurch in ihrem Gehirn abgespeichern werden.

Erschwerend kommt für ein Legastheniker-Kind hinzu, dass es aufgrund der vielen Reize, die es in seinem Umfeld wahrnimmt, sehr leicht ablenkbar und unaufmerksam ist. »Da ist der Vogel vor dem Fenster mindestens genauso wichtig wie der Lehrer an der Tafel«, weiß Anette Isabo. Hinzu kommt der nicht selten ausgeprägt vorhandene Bewegungsdrang, im übrigen nicht zuletzt durch einen enormen Wissensdurst verursacht.

Ein Kunsttherapeut versucht den Betroffenen daher auch Konzentration zu vermitteln. »Viele müssen erst einmal lernen, was das überhaupt ist«, erklärt Anette Isabo. Und betont, dass sich die von »normalen« Menschen als Schwäche ausgelegte Legasthenie als Begabung verstehen lässt. Denn Betroffene sind sehr kreativ und fanstasievoll, meist auch handwerklich talentiert. Zudem »können sie viele Situationen durchschauen und auf eine Weise ganzheitlich überblicken, in der Nicht-Legastheniker das nicht können«, so die Fachfrau und ergänzt: »jeder Legastheniker hat in der Regel einen Bereich, in dem er besonders begabt ist.« Wobei manche zudem einen besonderen Sinn für die Gefühle anderer haben, sich also besonders gut in andere Menschen hineinfühlen und hineinversetzen können.

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